Bixente Lizarazu: Der Beauceron unter den Linksverteidigern

Posted on 19. Januar 2011 von

4


Ohne Frage, müssten die meisten Fußballinteressierten ihre absoluten Lieblingsspieler beschreiben, würden sie offensiv auffällige in diesen Kreis wählen. Im Blog El Fútbol wurde eine blogübergreifende Reihe ins Leben gerufen: Gesucht werden die individuellen Lieblingsspieler. Initiator Sidan entschied Balkan-Maradona Gheorghe Hagi die Krone aufzusetzen. Während heinzkamke den ostwestfälischen Außenstürmer Kalle Rummenigge präferierte. Persönlich tue ich mich schwer, einen einzigen zu finden, der stellvertretend für alle sein soll. Es ändert sich eh und je, sobald man retrospektiv alte Youtube-Videos mit scheinbar vergessenen Szenen durchforstet. Und doch kommt mir expliziteiner in den Sinn, den ich außerordentlich bewunderte: Bixente Lizarazu.

Vielleicht liegt es daran, dass Abwehrspieler generelle eine geringere Wertschätzung bekommen als ihre Vordermänner, die Partien entscheiden und Spiele ihren Stempel aufdrücken. Komplett ausgeblendet wird jedoch, dass auch Abwehrspieler mit einigen Aktionen den kleinen Unterschied ausmachen können, indem sie vielleicht im letzten Moment den Ball des Gegenspielers noch abgrätschen und so eine 110% Torchance verhindern. Sowas steht dann allerdings nie in Geschichtsbüchern und wirkt doch leider resümierend irgendwie uninteressant. Lúcio meinte irgendwann mal – als er schon für seine Auswahl regelmäßig kämpfte, dass die Menschen in Brasilien gar nicht seinen Namen kennen und sie nur die Ronaldos und Rivaldos verfolgen. Schade drum, aber vielleicht fällt diese Entscheidung eben aus diesem Grund auf einen Mann, der bei vielen wohl nie in ihrer Traumauswahl aufgestellt werden würde.

Als erstes vorweg: Liza gilt für mich als der beste Linksverteidiger seiner Zeit, obwohl man „Mr. Oberschenkel“ Roberto Carlos eigentlich auch in einem Atemzug nennen könnte. Egal, mache ich aber jetzt nicht… Wahrscheinlich weil ich den Basken regelmäßig mehr verfolgte, da er in der Bundesliga spielte. Oder weil er einfach wusste, wann er seine Karriere zu beenden hatte, anstatt noch bei irgendwelchen brasilianischen Vereinen das sowieso reichlich volle Konto noch um ein paar Reals aufzubessern. Kommen wir zum parallelen Vergleich: Die Erfolge stimmen überein. Die Größe ebenfalls. Ergo: Da tut sich nicht viel, außer der Aspekt der Sympathie…

Das erste Mal ungewollt wahrgenommen habe ich Lizarazu wahrscheinlich im UEFA-Pokal-Finale 1995/96 gegen den FC Bayern München. Liza spielte damals noch in den Reihen von Girondins Bordeaux und stand Jean-Pierre Papin und dem „gefährlichen“  Emil Kostadinow gegenüber. So wirklich prägte sich der Name jedoch nicht ein. Genauso wenig wie Zidane seiner, der ebenfalls auf dem Platz stand und später einer der herausragendesten Fußballer aller Zeiten werden würde. Nach Lizarazus Wechsel zu Athletic Bilbao verlief sich seine Spur im Sand. Bis er zu den Bayern kam und seine internationale Karriere schließlich so richtig begann. In der Bundesliga sorgte er für eine Revolution, denn nach seiner Verpflichtung stieg man in Bayern statt auf eine Dreierkette, wie sie damals üblich war, auf eine Viererkette um.

Ein Jahr später war er Teil der Équipe Tricolore, die im eigenen Land schon überraschend Weltmeister wurde. Liza verpasste keine Minute in der KO-Runde und war maßgeblich daran beteiligt, dass sich Brasiliens Wundersturm um den kränkelnden Ronaldo im Finale nicht entfalten konnte. 2000 demonstrierte der Baske mit dem Titelgewinn bei der EM in Belgien und den Niederlanden erneut, dass es sich bei den „Bleus“ um eine goldene Generation handelte. Und auch bei den Bayern konnte er alles gewinnen, was es zu gewinnen gab. 2001 war es die Champions League gegen Valencia und insbesondere die Halbfinals gegen Real Madrid werden mir lange in Erinnerung bleiben; das Duell Figo versus Lizarazu – filigraner Techniker versus Kraftpaket.

Woher die Sympathie für Lizarazu kommt, kann ich schwer beschreiben. Womöglich liegt es daran, dass er definitiv anders war als andere Fußballer. Dieser Kontrast fängt schon alleine damit an, dass Liza lange „medienscheu“ war und verweigerte Interviews auf Deutsch zu geben, obwohl er der Sprache mächtig war. Fakt ist, dass die Art, wie er Fußball spielte, begeisterte. Einerseits war sie so dynamisch, kräftig und erinnerte an eine nach dem Stöckchen suchende Bulldogge. Andererseits verspürte er in seinen Aktionen eine Routine, die man folgendermaßen übertrug: „Ey, da steht der Liza. Lass ihn ruhig passen, da passiert sowieso nichts.“

Lizarazu war sicherlich kein Kind von Traurigkeit. Lothar Matthäus wird davon ein Lied singen können. 10.000 Mark Strafe wurden ihm dafür aufgebrummt, dass er Loddar ohrfeigte  bitchslapte eine runterzog. Der Vorfall ereignete sich beim Training auch wenn ziemlich unterschiedliche Aussagen darüber zu lesen waren und die Kamerabilder dennoch einiges bewiesen… Trainer Ottmar Hitzfeld: „Die Sache mit Matthäus und Lizarazu ist ein Indiz dafür, dass unsere Mannschaft lebt. Es war ein Gerangel, da gibt es auch mal Berührungen.“ Teeniestecher Matthäus war da ganz anderer Meinung und fuhr mit dem stärksten Argument auf: „Das war ganz sicher keine Ohrfeige, ich war ja dabei. Wohingegen Lizarazus Aussagen der Wahrheit am meisten entsprechen dürften:

Ich bevorzuge es, Konflikte offen auszutragen. Lieber eine Ohrfeige, als monatelang hinter dem Rücken des anderen zu stänkern. Das vergiftet doch die Atmosphäre.

Lizarazu war ein Zerstörer, der jeden sich bietenden Zweikampf annahm und gewinnen wollte. Er selbst sagte über sich: „My job is to destroy other players.“ Das physische Spiel stand über „Hacke, Spitze, eins, zwei, drei“. Er war ein Arbeiter, ein bissiger, aber fairer Hund, der zu beißen drohte, sobald jemand mit ihm spielen wollte. Ein Typ, der 90 Minuten Adrenalin austoß. Also ein Hitzkopf, der im modernen Fußball leider irgendwann aussterben wird ausgestorben ist. Gleichzeitig aber auch ein Fußballer, der seiner Seele treu blieb.

Advertisements