Quo vadis, SC Paderborn?

Posted on 10. Juli 2010 von

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Wenn es eine Mannschaft gibt, der ich meine größte Sympathie schenke, ist es der Zweitligist SC Paderborn 07. Damit wäre dieses Geheimnis gelüftet… Vorab, wie kam es dazu? Das erste Mal hatte ich den Club um 2000 gesehen. Antonio Di Salvo wechselte mit seinen zarten 20 Jahren zum Stern des Südens FC Bayern München und es gab passenderweiser ein Freundschafts-/Abschiedsspiel im Hermann-Löns-Stadion, das der damalige Regionalligist natürlich hoch verlor. Mit der Zeit wurde ich regelmäßiger Stadionbesucher, der mittlerweile schon einiges miterlebt hat (Manipulation, Ab- und Aufstieg etc.).

In der letzten Saison machte der SC Paderborn das Unmögliche möglich. Traditionell wurde der Aufsteiger anfangs natürlich als potentieller Absteiger gehandelt. Die Endtabelle sah jedoch anders aus. Während ein Traditionsverein wie Hansa Rostock abstieg, manövrierte sich der Club auf einen sensationellen fünften Platz und konnte Mannschaften wie Alemannia Aachen, MSV Duisburg oder TSV 1860 München hinter sich lassen. Gleichzeitig überholte man den Kontrahenten und Nachbarn aus Ostwestafeln, Arminia Bielefeld, dem aufgrund von Verstößen gegen die Lizenzbestimmungen vier Punkte abgezogen wurden, und konnte sich voller Hohn als Nummer 1 in der Gegend feiern lassen. Vater des Erfolgs war zum einen sicherlich Andre Schubert, der als Nachfolger von Pavel Dotchev antrat und die Funktionen eines Felix Magath anstrebte (Sportlicher Leiter und Chef-Trainer zugleich). Dieser schaffte es sich mit seiner Truppe zwei Mal in den Relegationsspielen gegen den VfL Osnabrück zu behaupten und machte den Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt.

Zugleich formte er eine Mannschaft, die perfekt harmonierte, für frischen Wind sorgte und für einige Überraschungen gut war. Der Mut des Vorstands wurde belohnt, das Abenteuer mit einem noch jungen und nur in den Insiderkreisen bekannten Trainer zu beginnen. Spieler wie Daniel Brückner oder Enis Alushi belebten die Liga, konnten sich immens zur Vorsaison steigern. Schubert hatte es scheinbar ohne große Töne à la Klinsmann geschafft, seine Jungs jeden Tag ein kleines Bisschen besser zu machen. Neben den bereits erwähnten Spielern und dem bestens funktionierendem Kollektiv stach ein weiterer Protagonist heraus, den man in Paderborn schon länger gerne wiedersehen wollte: Mahir Saglik. Mit 15 Toren und 9 Vorlagen war er das belebende Element in der Offensive und fast eine Lebensversicherung für den sicheren Verbleib in der Klasse. Einst ausgebildet in der Jugend von Paderborn gab der VFL Wolfsburg, bei dem Saglik einen Vertrag bis 2011 hatte, für ein Ausleihgeschäft frei, das kaum rentabler sein konnte.

Fest abzusehen war es, dass man Saglik bei den gegebenen finanziellen Möglichkeiten nicht halten würde. So zeichnet es sich momentan ab, dass der Türke zum Absteiger aus Bochum wechseln wird. Eine Summe von 250.000€ steht im Raum. Diesen Betrag kann Paderborn nicht stemmen. Des Weiteren möchte man die Schulden minimieren – darüber wie viel Verbindlichkeiten den Verein drücken, kann nur spekuliert werden. Die Sachlage dürfte aber nicht ganz so dramatisch sein wie bei der Arminia, die mit berechtigten Existenzängsten zu kämpfen hatte. Dabei wurde fast kompromisslos aussortiert. Aufstiegshelden wie Löning, Holst oder Jensen durften sich einen neuen Arbeitgeber suchen, die Verträge wurden nicht verlängert. Auch Schachten, immerhin Stammspieler, geht zurück nach Mönchengladbach, das Ausleihgeschäft endete dieses Jahr.

Das Leben ist keine Sahnetorte, schon gar nicht das Fußballgeschäft, das wird der erprobte Schubert genau wissen. So sollen es andere, billigere Varianten richten. Markus Palionis von Dynamo Dresden soll Schachten als linken Außenverteidiger ersetzen, er galt als Leistungsträger der Sachsen. Ebenfalls neu im Team ist Nico Klotz, dem Schubert viel zutraut und dem, wenn man die Foren von Erzgebirge Aue verfolgt, so manch einer hinterher trauert. Sicherlich kann er dem erfahrenen Rolf Christel Guié-Mien, der sein Zenit langsam aber sicher überschreitet, im rechten Mittelfeld Feuer unter’m Hintern machen. Ein alter, neuer Bekannter ist hingegen Lukas Kruse. Nach weniger erfolgreichen Gastspielen bei FC Augsburg und Borussia Dortmund kehrt der Torwart, der in der Jugend und schon für den SCP in der zweiten Liga spielte, zurück. Kruse will den eigentlichen Stammtorhüter der letzten Saison Daniel Masuch als Rückhalt zwischen den Pfosten ablösen.

Schön und gut, aber dann wird es insgesamt im Sturm ein wenig eng. Einzig und alleine David Jansen gilt hier als Neuverpflichtung. Jedoch dürfte für ihn der Schritt aus der Regionalliga in die 2. Liga noch ein wenig hoch sein. „Jung und gut ausgebildet“, titelte der Kicker. Einen Saglik wird er jedoch realistisch gesehen nicht ersetzen können. Soll er wahrscheinlich auch gar nicht, doch bleibt die Frage offen, was mit der Offensive speziell im Sturm passieren wird. Gaetano Manno ist noch verletzt, wann er wieder zu 100% fit ist, steht in den Sternen. Eine optimale Vorbereitung wird er nicht haben. Nejmeddin Daghfous war letzte Saison nur Ergänzungsspieler und konnte bei seinen Einsätzen selten überzeugen.Lediglich Sven Krause verspürt Hoffnung, zumal er gegen Ende der Rückrunde seinen Torjägerinstinkt andeutete.

Kaum vorstellbar, was passieren mag, wenn sich einer der vier nominellen Stürmer verletzt. Letztlich ist natürlich die Qualität im Kader weiter vorhanden. Auch Mittelfeldakteure wie Brandy können Konterstürmer darstellen und stechen, die Vergangenheit hat es bewiesen. Schubert spricht von einem „dünnen Kader“ und „von einem großen Risiko“, die Hände seien ihm gebunden, mehr als den Vorstand über die prekäre Lage zu informieren, wäre nicht drin. Aktuelle Transfergerüchte gibt es derweil beim SC Paderborn nicht. Man versucht alles daran zu setzen, schwarze Zahlen zu schreiben. Selbst ablösefreie Spieler aus ausländischen Ligen sind wohl ebenfalls nicht drin, was die angespannte Lage nur verdeutlicht. Aber vielleicht wird es wie letzte Saison, als die Verantwortlichen  nach den anfänglichen Spielen merkten, dass es an einem guten Stürmer fehlte, der eine zehn Tore + X-Marke markieren konnte und mit dem Transfer von Saglik reagierte. Unter Umständen streift sich der Präsident und Hauptsponsor Wilfried Finke noch einmal durch sein volles Haar und bemerkt, dass er einige Euros freimachen muss. Schwer lösbar wird es allerdings, wenn der Abstieg droht, der gleichzeitig ein noch größeres finanzielles Fiasko symbolisieren könnte. Das primäre Ziel sind demnach die 40 Punkte und wenn diese erneut übertroffen werden, müssen sich Kritiker wie ich in die Ecke stellen. Die Liga ist jedoch mit VfL Bochum und Hertha BSC stärker geworden. Für Schubert bedeutet dies harte Arbeit, Schweiß und eine große Portion Druck.