Pavel Dotchev: Vom Jahrhunderttrainer zum Stadtsfeind

Posted on 20. Oktober 2011 von

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Selten war bisher ein Mensch mit dem SC Paderborn 07 so verbunden  gewesen wie der Bulgare Pavel Dotchev. Neben dem Schnüren seiner Fußballschuhe für den Verein agierte Dotchev auch in zwei Perioden an der Seitenlinie. „Fußballgott“ wurde er gerufen. Zum Trainer des Jahrhunderts gewählt. Und selten konnte der Status eines Mannes so schnell umkippen wie bei Dotchev, der nach seiner Entlassung gegen uns klagte und schließlich gewann. Folgendes Urteil entschieden die Richter:

Am Dienstag (11.10.2011) verurteilte das Landesarbeitsgericht den Verein zu einer Zahlung von rund 132.000 Euro, wie es in einer Pressemitteilung des Gerichts hieß. Dotchev hatte von seinem Ex-Club rund 140.000 Euro gefordert – denn seiner Meinung nach hatte er noch Anspruch auf Punkte- und Siegprämien, die das Team nach seinem Ausscheiden im Mai 2009 erspielte.

Kurz vor dem Aufstieg beurlaubt

Dotchev hatte den Cheftrainer-Posten im Februar 2008 übernommen, sein Vertrag sollte bis zum Juni 2010 laufen. Geregelt war, dass der Trainer ein Grundgehalt, einen Dienstwagen, Punktprämien und eine gesonderte Aufstiegsprämie kassieren sollte. Doch schon im Mai 2009 – zwei Spieltage vor Ende der Saison 2008/2009 – war für Dotchev Schluss. Er wurde freigestellt und musste seinen Dienstwagen abgeben. Fast während der gesamten Saison hatte Paderborn auf einem Aufstiegsplatz in der 3. Liga gestanden – und schaffte schließlich auch den Aufstieg. Doch ohne Dotchev, der somit auf seine Prämie verzichten musste. Auch die Punkte, die Paderborn bis zum eigentlichen Vertragsende Dotchevs in der 2. Bundesliga einheimste, schlugen sich nicht mehr auf dem Konto des Trainers nieder.

Teilerfolg in erster Instanz

Das war sogar im Arbeitsvertrag geregelt. Nach einer etwaigen Freistellung sollte der Verein nur noch zur Zahlung des Grundgehalts verpflichtet sein. Eine Klausel, die Dotchev für unwirksam hält. Zum Teil hatte diese Auffassung bereits im Februar 2010 das Arbeitsgericht Paderborn bestätigt. 40.000 Euro sprach es dem Trainer in erster Instanz zu. Der Kläger sei unangemessen benachteiligt worden, weil der Verein ohne Angabe von Gründen über die Freistellung entscheiden könne. Ein Großteil der Ansprüche Dotchevs sei jedoch verfallen, weil er sie nicht rechtzeitig geltend gemacht habe. Gegen dieses Urteil hatten sowohl der Verein als auch Dotchev Berufung eingelegt.

Landesarbeitsgericht: Vertragsvereinbarungen sind unwirksam

Das Landesarbeitsgericht Hamm entschied am Dienstag, dass die Vereinbarungen im Arbeitsvertrag, wie der Wegfall der Punkteprämie, unwirksam sind. In der Pressemitteilung heißt es: „Die Meinung des Beklagten, es handele sich um einen gerechten Ausgleich, wenn ein freigestellter Trainer nicht das gleiche Entgelt bekomme wie ein aktiver Trainer, ist mit der Gesetzeslage nicht zu vereinbaren.“ Gegen die Gerichtsentscheidung ist keine Berufung möglich, der Verein kann aber mögliche Rechtsfehler beim Bundesarbeitsgericht anfechten.

Ein Präzedenzfall? Vergleichbar mit dem Bosman-Urteil? Wird dieser Fall den deutschen Fußball und das Trainerkarussell umkrempeln? Noch nie klagte ein Trainer derartig nach seiner Entlassung und bekam Recht zugesprochen. Dazu gibt es einen Gastbeitrag von Mirco Stöpke zu lesen, der die Dotchev-Situation meiner Meinung nach treffend beschreibt.

Auf Grund einiger öffentlichen Reaktionen auf das Urteil des Landesarbeitsgerichts Hamm im Falle Pavel Dotchev, sehe ich es als dringend nötig an, den ewig gestrigen „Pavelisten“ mal die Augen zu öffnen: Beginnen wir einfach mal mit einem fiktiven Beispiel: Paul Dachstuhl arbeitet in einem IT-Unternehmen, namens Supranet AG. Diese wiederum unterhält einige Zweigstellen im ganzen Land. Da es üblich ist, die Angestellten bundesweit einzusetzen, erhalten diese von ihrem Arbeitgeber ein Firmennotebook gestellt, welches ihnen ermöglicht, sich schnell einen Arbeitsplatz an einem neuen Standort einzurichten, sollten sie mal auf Dienstreise geschickt werden. Aus Gründen, die für uns hier keine Relevanz haben, wurde Herr Dachstuhl unter Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist gekündigt, aber gleichzeitig mit sofortiger Wirkung von seiner Tätigkeit für das Unternehmen freigestellt. Das heißt: Scheidet mit sofortiger Wirkung – unter Fortzahlung seiner Bezüge – sofort aus dem Betrieb aus, weshalb die Supranet AG nun natürlich auch den Firmenlaptop zurück verlangt. Dieses missfällt aber dem Herrn D. zu tiefst, da dieser doch das Notebook auch regelmäßig privat für hochauflösende 3D-Videospiele zu benutzen pflegte. Und damit sollte jetzt Schluss sein? Nein, das geht natürlich nicht, denkt Herr D. und klagt vor dem Arbeitsgericht gegen den Einzug seines Laptops…

„Geht‘s noch… !?“ „Hat der ‘nen Knall!“, oder wie lauten eure Gedanken jetzt?

Ja, ihr habt recht, die Klage von Herrn D. ist natürlich ein Witz, und trotzdem bekommt er in zweiter Instanz von einem deutschen Gericht Recht und eine finanzielle Entschädigung…

Gut, jetzt sagt ihr, das ist ja nur ein fiktives Ereignis und nicht real… Pustekuchen, denn genau das ist heute real passiert, nur mit dem Unterschied, dass Paul Dachstuhl in Wirklichkeit Pavel Dotchev, die Supranet AG SC Paderborn 07 und das Notebook ein Dienstwagen und die Videospiele irgendwelche Privattouren waren! Und damit nicht genug, klagt diese Person auch noch die Lorbeeren (Punktprämien) eines Anderen, seines Nachfolgers, ein.

Im Vergleich dazu: Wie würdet ihr es finden, wenn Spieler wie Klotz, Jansen und Mosquera Auflaufprämien einklagen würden, obwohl sie diese Saison nicht einmal gespielt haben? Ich wette dann wäre der Aufschrei in den Foren groß, aber einem Dotchev steht ihr diese Ungerechtigkeit zu? Nun behaupten ja immer noch einige, die sich nur am Rande mit dem Thema beschäftigt haben, dass diese Forderungen Gegenstand des Arbeitsvertrags waren. Sind sie aber nicht:

Statt dessen kann dieses Urteil den Fußball revolutionieren, denn wenn dieses Urteil, dass freigestellte Trainer in der Bezahlung ihren Nachfolgern gleich zu setzen sind, betrifft das zukünftig nicht nur den SC Paderborn, sondern alle Vereine! Künftig werden sich die Vereine noch schwerer tun, Fehlgriffe auf der Trainerposition finanziell zu stemmen, während sich Trainer dagegen von heute auf Morgen aus ihren Vertrag stehlen können – siehe Luhukay damals.

Soweit zu dem Urteil heute. Kommen wir jetzt mal zu den sportlichen Resultaten von Pavel Dotchev: Ich lese immer wieder, dass er hier zweimal gefeuert wurde, was natürlich schon mal riesengroßer Humbug ist, denn 2005 lief sein Trainervertrag regulär aus (übrigens sein einziger Vertrag, den er voll erfüllen konnte/durfte/wollte)

Klar ist es für Außenstehende eher subtil, dass ein Aufstiegstrainer keinen neuen Vertrag bekommt, und doch gab es gute Gründe, vor denen man als regelmäßiger Augenzeuge der Spiele, die Augen nicht verschließen konnte: Was am Ende gerade eben so noch gut ging, hing tatsächlich am seidenen Faden: Wäre die Saison zwei, vielleicht auch nur eine Woche länger gegangen, wäre Osnabrück wohl noch an uns vorbei gezogen. Tatsächlich war es ein Glücksfall, dass Wolfsburg II bereits abgestiegen war, und nicht mehr als eine sportlich faire Verabschiedung von der Liga im Sinne hatte. Ähnlich lief es im Jahre 2009, bloß mit dem Unterschied, dass hier der Verfall schon sehr früh einsetzte (im Nachhinein betrachtet schon mit Beginn der Rückrunde nach dem schwachen Auftritt in Unterhaching), sodass man diesmal keine andere Wahl hatte, als schon während der Rückrunde die Reisleine zu ziehen, wobei Dotchev eigentlich noch dankbar sein müsste, dass man fast den Aufstieg geopfert hat, um ihn so lange im Amt zu halten, anstatt ihm frühzeitig den Stuhl vors Arena-Tor zu setzen. Jeder der damals gegen Bremen II im Stadion war, und auch nur einen Funken Ahnung vom Fußball hat, hat gesehen, dass es nach diesem desolaten Auftritt der Mannschaft keine Alternative mehr zu seiner Freistellung, außer vielleicht diese, als das man den Aufstieg in dem Moment abgehakt hätte, da man als vierter, nach dem Unterhaching bei noch zwei verbleibenden Spielen, ans uns vorbei gezogen war.

Glücklicherweise entschied sich der Verein für eine interne Lösung mit Andre Schubert und auch Jena sei an dieser Stelle noch mal gedankt, die zeitgleich zu unserem 6:0 Comeback gegen Burghausen Unterhaching schlugen und uns die Option auf den Relegationsrang wieder in unsere eigenen Hände legte!

Selbstverständlich hat Dotchev seinen Anteil am Aufbau Aufstiegsmannschaften, wobei wir auch bei seinen Fähigkeiten sind: Dotchev hat mit Sicherheit Sportdirektor-Qualitäten, aber als Trainer gleicht er einem Senkrechtstarter, dem viel zu schnell der Sprit ausgeht, oder anderes ausgedrückt: Seine Halbwertzeit ist einfach zu kurz! Aber nochmal: Die Aufstiegsmannschaft hat er zusammen gebaut, aber das war sein Job, für den er auch gut bezahlt wurde, aber alles was nach seiner Freistellung kam, war nicht mehr sein Verdienst und damit hatte ihm der SCP auch zurecht keine Punktprämien mehr gezahlt. Dass das ein Hammer Gericht nun anders sieht, steht auf einem anderen Blatt, aber auch dort sitzen nur Menschen, die genauso wie wir alle eben auch falsche Entscheidungen treffen können. Ich hoffe, ich habe wenigsten ein paar Dotchev-Anhängern die Augen geöffnet, wenngleich ich mir darüber im Klaren bin, dass es bestimmt auch Anhänger gibt, die sich nicht belehren lassen wollen. Fakt ist jedenfalls: Mit dieser Klage hat Dotchev dem SC Paderborn finanziell mehr geschädigt als alle Pyromanen in den letzten Jahren zusammen. Denkt mal drüber nach!

Foto: SC Paderborn 07