Giovane Elber – Mensch, Elber!

Posted on 27. September 2010 von

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Um ehrlich zu sein, habe ich gar nicht wahrgenommen, dass Giovane Elber je ein Buch herausbrachte. Erst der Gang zur Stadtbibliothek ermöglichte mir die Information, dass da doch etwas im Regal steht und dieser Art 2004 erschien. Der erste Blick auf die Rückseite und den Klappentext offenbart die übliche Phrasendrescherei, wenn es um Sportlerbiografien geht: „Eine Biografie, die so ungewöhnlich ist, wie kaum eine zweite aus der Welt des Sports.“ Die Skepsis steigt. Schließlich sind das nur allzu geläufige Worte… Dennoch bleibt der dringende Wunsch sich mit dem Buch zu beschäftigen: Elber, den verbinde ich mit Sympathie, mit der Frohnatur, die die Bundesliga aufmischte und zahlreiche Erfolge mit dem FC Bayern München feiern durfte. Elber, der Typ, der sich beim Torjubel in ein Werbeplakat einrollte. Elber, der trickste und den südamerikanischen Flair in die Bundesliga brachte. Elber, Teil des magischen Dreiecks. Elber, der irgendwann von den Bayern abgesägt wurde. Zahlreiche Assoziationen, doch wie war der Mensch Elber?

Anders als bei den moderneren Fußballer-Biografien verspricht Elber bereits im Vorwort: Wenn man Skandale sucht, wird man hier nicht fündig. So beginnt die Geschichte „Elber Giovane de Souza“, die chronologisch aufgebaut ist, in Londrina, Brasilien. Der jüngste von fünf Söhnen, wächst in Armut auf und versucht dennoch das Beste aus seinem Leben zu machen. So bekommt er zum Beispiel mit, wie sein Freund Lello tragisch von einem Bus überfahren wird. Der Vater vermittelt ihn schließlich zu einer Bank, in der er eine Ausbildung absolvieren soll. Gleichzeitig macht er zum ersten Mal in der Betriebsmannschaft auf sich aufmerksam. Folglich gewinnt er mit FC Londrina die Juniorenmeisterschaft und zeichnet sich aus, indem er Torschützenkönig wird. Das Glück scheint auf seiner Seite zu stehen und von da an geht es schnell: Ausgerechnet Ernesto Paulo, Trainer der brasilianischen Junioren-Mannschaft, ist bei diesem Turnier als Scout unterwegs: Elber darf eine Einladung zur Junioren-Südamerikameisterschaft entgegennehmen.

Elber macht die Erfahrung, mit einem „riesigen Vogel“ zu fliegen und profitiert davon, dass er durch Verletzungspech seines Sturm-Kollegen einen Stammplatz ergattern kann. Er schafft es aufs Neueste seine Torgefährlichkeit unter Beweis zu stellen und wird Torschützenkönig. Demnach darf er sogar für Brasilien bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Portugal auflaufen und krönt seine Leistungen erneut mit der Torjägerkrone – gleichzeitig wird er hinter Joao Pinto und Figo zum drittbesten Spieler des Turniers gewählt. Elber erscheint plötzlich in den Medien, sein Name ist im Munde der Stadt und sogar die Radioreporter flehen die Mutter an, dass ihr Sohn doch weiter für FC Londrina spielen solle. Elber entscheidet sich für Europa und den AC Mailand. Die Summe auf dem Gehaltsscheck wird größer, statt läppischen 10$ im Monat, verdient er nun 100.000$ im Jahr.

Und doch erscheinen Elbers Probleme größer – eine kritische Umstellung vom sonnigen Brasilien zum kalten Europa zeichnet sich schnell ab, plus dass er sich mit Größen wie Marco Van Basten, Ruud Gullit oder Frank Rijkaard nicht messen kann. Stattdessen wird Elber nach Zürich zu den Grasshoppers verliehen. Es folgt der klassische Kulturschock: Infrastruktur, Schnee, Menschen, die komische Laute von sich geben und sogar die Bestellung im Restaurant erweist sich schwieriger als angenommen. Elber wird bewusst, dass er an sich arbeiten muss und noch lange keine Bäume ausreißt. Stattdessen droht ihm knallhartes Fitness-Training in den Bergen, das er gemeinsam mit seinem Bruder bewältigt, der als Stütze mitkommt.

Als Elber sich in der Schweiz durchsetzen kann – Torschützenkönig und Pokalgewinner, folgt ein überraschender Anruf des Kapitäns der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft, Carlos Dunga, der beim VfB Stuttgart aktiv ist. Dunga überredet Elber ein Engagement bei den Schwaben anzutreten und macht den Braten schmackhaft. Dieser schluckt den Köder und sieht in Stuttgart ein Sprungbrett. Doch Elber ist konfrontiert mit Stress: Dunga verlässt den VfB, Trainer werden aussortiert (Sundermann, Röber) und eine Verletzung macht ihm zu schaffen. Mit Rolf Fringer bzw. Jogi Löw, der diesen irgendwann als Strippenzieher von der Bank ersetzt, und der Verpflichtung von Krassimir Balakov, scheint sich das Blatt zu wenden.

Dann kommt der Wechsel zum FC Bayern München zustande. Elber sieht darin die Möglichkeit sich mehr für die Nationalelf zu empfehlen. Was folgt, ist eine anfängliche Leidenszeit: Eine erneute Verletzung. Doch dann, genauer gesagt 2001, schafft es Elber, das Champions League-Finale ausgerechnet in Mailand zu gewinnen, an dem Ort wo er einst mehr oder weniger aussortiert wurde. In München erlebt er seine erfolgreichste Zeit, wird Meister, Torschützenkönig, gewinnt den DFB-Pokal sowie Weltpokal. Doch die Medien meinen es anders und inszenieren die Situation so, dass Elber weg von München wolle. Er geht nach Frankreich zu Olympique Lyon und gewinnt dort noch 2004 die Meisterschaft.

Mit Hilfe von Journalist Volker Dietrich und Dolmetscherin Petra Zimmermann wurde ein rundes Werk geschaffen, dass die Person hinter dem Fußball optimal ablichtet und beschreibt. In der Tat erscheint es allerdings komisch, warum das Buch 2004 erschien und man nicht noch ein bisschen abwarten konnte: Elber hatte immerhin noch ein kurzes Gastspiel bei Borussia Mönchengladbach und beendete seine Karriere erst bei Cruzeiro Belo Horizonte.

Neben Elbers Aussagen, die bis in seine Kindheit reichen, melden sich auch immer wieder Elbers Mutter Dona Ceia und Ehefrau Cintia zu Wort, die der Fußballer schon in seiner Kindheit kannte, und schildern ihre Ansichten aus den jeweiligen Lebensabschnitten. Insbesondere interessant wird es dann, wenn man erfährt, wie eine Beziehung Höhen und Tiefen durchlebt. Zum Beispiel dann, wenn es dem Fußballer mal nicht so gut geht und der Heißsporn durch Verletzungen gezügelt wird.

Des Weiteren sind es die kleinen Beschreibungen im Buch, die es lesenswert machen, wenn Elber z.B. über das Magische Dreieck aus Stuttgarter Zeiten spricht und feststellt, dass es derartiges gar nicht in der Mannschaft gab und es ein Produkt der Medien war, die die unauffälligen Abräumer und Arbeiter wie Frank Verlaat neben Balakov und Bobic nicht erwähnten. Aufschlussreich sind auch die beschriebenen Situationen: Das Spiel gegen Manchester, das für immer in die Annalen eingehen wird, als der verletzte Elber gemeinsam in der 90. Minute mit Lizarazu schon auf dem Weg zur Trophäe war und erst als er unten beim Cup ankam, realisierte, dass Bayern doch noch verlor. Oder die Information, dass Uli Hoeneß Elber schon in seiner Zeit bei Zürich ihn bei einem Freundschaftsspiel beobachten wollte, jedoch im Stau steckenblieb. Überhaupt fasst Elber und das Level der Bayern konkret und treffend zusammen:

Mit dem ersten Unentschieden beginnt die Unzufriedenheit, das Spiel heißt zwar immer noch Fußball, doch der Fußball von Bayern München hat nur einen Zweck zu erfüllen: gewinnen.

Hoch anzurechnen ist den Autoren der Einsatz der verwendeten Sprache. Anfangs ist sie sehr holprig und tapsig gestaltet, entwickelt sich aber im Verlauf bis hin zu einem literarischen wertvollem Gut. Wie könnte man sonst die kindliche Sichtweise besser beschreiben als in einem umgangssprachlichen Ton? Hier zwei Beispiele für die angesprochene Mannigfaltigkeit im Werk:

Der Schlüssel liegt nicht unter einer Matte, der Schlüssel passt in kein Schloss. Der Schlüssel, den ich meine, dieser Schlüssel öffnet dir keine Türen, sondern diese hundsgemein schwere, eisern knarrende und verrostete Tür, hinter dem nichts Besonderes wartet, sondern nur eines: dein Leben. Und diesen Schlüssel, den findest du nicht, den bekommst du auch nicht, schon gar nicht gegen Bares. Der Schlüssel liegt in deinem Mund: Sprache.

Nicht auferstanden wie einst Jesus, von höheren Kräften geleitet. Ich selber bin es, der sich aufgebäumt hat, das Selbstmitleid besiegt und die Selbstzweifel beiseite geschafft hat. Die Kraft des Überlebens kommt aus deinem Willen zu leben. Der Rest ist Vertrauen auf Gesundheit oder auf Gesundung.

Der Mensch Elber eine Persönlichkeit, die ich nie vergessen werde – auch aufgrund dieser starken Biografie.

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