Die Falken im Höhenflug – ein Gespräch über Montenegro

Posted on 9. November 2011 von

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Seit 2006 ist Montenegro, einst Teilrepublik von Jugoslawien, später ein gemeinsamer Staat mit Serbien, ein unabhängiges Land. Montenegro kennt man normalerweise nur aus Reisekatalogen, insbesondere aufgrund des schönen Budva. Niemand hat Montenegro auf dem Radar, zählt es doch weniger Einwohner als Ostwestfalen-Lippe und ist flächenmäßig gar kleiner als Schleswig Holstein.

2007 wurde Crna Gora, so der jugoslawische Name, als FIFA- und UEFA-Mitglied aufgenommen. Fußball in Montenegro? Da erinnert man sich mehr an Serbien und Montenegro, wobei das Montenegro eher zweitrangig war, wenn davon gesprochen wurde. Dabei hatte der kleine Zwergstaat in der Vergangenheit so einige begnadete Fußballer in seinen Reihen, von denen man nicht unbedingt wusste, dass sie daher stammen. Predrag Mijatović, Siegtorschütze für Real Madrid im Champions League-Finale 1998 gegen Juventus Turin, oder Dejan „Il Genio“ Savićević, eine lebende Legende der Rossoneri (AC Mailand), um mal zwei zu nennen.

Umso erstaunlicher ist, dass Montenegro sich ernsthaft Chancen ausrechnet, bei der kommenden Europameisterschaft in Polen und Ukraine mit von der Partie zu sein. In der Gruppenphase verwiesen die Falken Schweiz und Bulgarien auf hintere Plätze, wurden hinter England Zweiter und treten am Freitag gegen Tschechien in der Relegation an. Grund genug, für eine mir sehr nahestehende Person mit montenegrinischem Blut in den Adern, mal das Phänomen zu beschreiben: Melis zeigt auf, wie diese Sensation überhaupt zustande kam, wie die Qualifikation verlief, wie die Mentalität aussieht, wie es um den montenegrinischen Fußball steht und wie Tschechien bezwungen werden kann. Ein Gespräch über ein gallisches Land.

Wie konnte sich Montenegro überhaupt gegen Gegner wie Schweiz oder Bulgarien durchsetzen, die schon eine gewisse Historie und Referenzen mit sich brachten? Bei der WM-Qualifikation 2010 lag man am Ende noch hinter Zypern und Bulgarien. Montenegro war eigentlich der Underdog in der Gruppe G!

Wenn du der absolute Außenseiter bist, kannst du mit einem freien Kopf in die Begegnungen gehen. Du hast nichts zu verlieren und deswegen fällt es dir ohne Druck einfacher. Dass die Mannschaft eine gewisse Qualität hat, das war anfangs gar nicht klar. Doch die ersten drei Siege gegen Wales, Bulgarien und Schweiz entfachten eine unglaubliche Euphorie im Land, die die Spieler scheinbar auch aufs Feld übertragen konnten. Nach so einem astreinen Start war klar, dass da noch mehr gehen kann. Danach folgte ein Unentschieden in London gegen England und spätestens ab da waren sowieso alle Dämme gebrochen.

Hätte man zweimal Unentschieden bei den Partien Montenegro-England getippt, wäre man jetzt wahrscheinlich reich. Wie war das möglich gerade im Wembley Stadium?

Das war taktisch und strategisch klug organsiert von unserem (Ex-)Trainer Zlatko Kranjčar. Hinten haben fünf Leute den Laden zusammen und dicht gehalten. Dabei war unser Topstürmer Mirko Vučinić noch nicht einmal dabei. Wer weiß, vielleicht wäre es mit ihm sogar noch positiver ausgefallen.

Im Rückspiel machte Montenegro durch ein Tor in der letzten Minute zum 2:2 gegen England zumindest den Einzug in die Relegation perfekt. Dabei stand es bereits 0:2.

Das Kopfballtor von Andrija Delibašić war einfach nur Gänsehaut pur – bei jedem Montenegriner weltweit müssen die Sicherungen durchgebrannt sein. Ich selbst habe auch nicht mehr daran geglaubt und die Hoffnung aufgegeben, obwohl wir in der zweiten Hälfte ständig Druck gemacht haben, nach dem Anschlußtreffer vor dem Halbzeitpfiff. Alles sprach für die Schweiz. Und dann sowas! Das ist ein Wunder und eine Geschichte, die der Fußball manchmal schreibt.

In dem für England unbedeutenden Spiel – sie waren eh schon weiter – sah Wayne Rooney einen Platzverweis und wurde nachträglich für drei EM-Endrunden-Spiele gesperrt. Was ist da vorgefallen? Ich hörte, dass Zuschauer und Spieler ein wenig trash talk betrieben haben und das Frustfoul provozierten, da Rooney’s Vater gerade aufgrund eines Wettskandals in den Schlagzeilen war.

Schade für ihn. Er war an diesem Tag sicherlich frustriert aufgrund der ganzen Spekulationen um seinen Vater, der verhaftet worden war. Das Spiel ging irgendwie an ihm vorbei, überragend wie sonst, war er nicht. Unsere Medien haben zudem die Vater-Geschichte hochgepusht. Bei einem derartigen entscheidenden Spiel darf der Boulevard nicht fehlen, das ist normal. Möglich ist auch, dass er Häme von unseren Fans zuhören bekam, gerade in so einem kleinen Stadion, wo du sowieso alles mitbekommst. Meine Landsmänner sind in dieser Richtung ein wenig temperamentvoller. Dennoch hat Rooney sich schon ganz andere Sachen anhören müssen und sollte professionell genug sein, die Nerven in Zaum zu halten.

Trotzallem sprach sich der montenegrinische Akteur Miodrag Džudović für eine Reduzierung der Sperre aus. Das hätte er wohl nicht verlauten lassen, wenn das Ergebnis anders ausgegangen wäre, oder?

Das kann ich nicht sagen. Auch ohne Rooney werden die Engländer, wie eigentlich immer vor einem Turnier mit einer gewissen Favoritenrolle ausgestattet.

Wenn ich Montenegros Bilanz lese, lehnt diese ein wenig an das MiniMax-Prinzip an. Drei Siege (alle 1:0), drei Unentschieden, zwei Niederlagen bei einem Torverhältnis von 7:7 in acht Spielen. Wie ist das für eine Spielweise? Diese 1:0-Ergebnisse erinnern an das frühere Otto-Griechenland. Hinten alles absichern und vorne auf Konter oder Standards hoffen.

Mag sein, dass das so eine Balkan-Art ist. Die Serben haben es anfangs auch so versucht… Wir wissen, dass wir nicht wie Spanien oder Deutschland auftreten können, sondern uns zurückhalten müssen, um gegen die Favoriten zu bestehen. Das ist eben die optimale Lösung dafür!

Diese Eins zu Null, sprechen sie auch für die montenegrinische Mentalität? Die Montenegriner sind ja für ihre Faulheit bekannt, tun immer nur das Mindeste. Es gibt ja diesen einen Witz: Warum hat ein Montenegriner einen Stuhl neben seinem Bett? Damit er sich nach dem Schlafen noch ein wenig sitzend vom Schlaf ausruhen kann.

Da ist auf jeden Fall etwas dran. Sobald ein Tor geschossen wird, sieht man spielerisch gar nichts mehr. Die ziehen und lehnen sich zurück. Bei einem Gegentor greifen die Mechanismen wieder und es wird gekämpft, um das Spiel doch noch irgendwie zu gewinnen. Aber wenn wir mit diesem Fußball Europameister werden, bitte!

Unerwartet wurde Trainer Zlatko Kranjčar während der Qualifikation, obwohl er erfolgreich war, suspendiert. Co-Trainer Branko Brnović übernahm den Posten. Wieso? Ich las von Alkoholproblemen.

Leider werden wir das nie erfahren. Das wird intern vom Verband ein wenig geheim gehalten. Ich habe gehört, dass Kranjčar eine Gehaltsaufstockung wollte, als es gerade gut lief. Der Präsident des Montenegrinischen Fußballverbands, Dejan Savićević, meinte nur, dass Vertrag Vertrag sei. Daraufhin erwiderte Kranjčar, dass er seinen Hut nehmen würde, woraufhin Savićević ihm die Tür anbot.

Wer sind denn die Schlüsselspieler Montenegros?

Die Innenverteidiger Stefan Savić (Manchester City) und Marko Baša (OSC Lille). Beide sind in der Champions League vertreten und sehr stark. Im Angriff Stevan Jovetić vom AC Florenz. Den kennt man hier in Deutschland vielleicht noch aus der Champions League, als Bayern gegen Florenz 2009/10 im Achtelfinale antrat und er im Rückspiel zwei Tore schoss. Die Scout-Abteilung vom 1. FC Köln befand ihn vor seinem Transfer zu Florenz, als er noch bei Partizan Belgrad unter Vertrag stand, für schlecht. Heute gehört er zu den größten Talenten in Europa und etliche Spitzenteams sind hinter ihm her. Der andere ist Mirko Vučinić, der seit dieser Saison für Juventus Turin auf Torejagd geht.

In den ehemaligen Jugoslawien-Staaten kommt es immer wieder zu Diskussionen, wenn es um die erste Nominierung einzelner Spieler geht. Viele haben gleichzeitig unterschiedliche Wurzeln und könnten für mehrere Länder auflaufen. Warum ist das immer so kompliziert?

Es gibt in diesen Ländern immer noch viele unterschiedliche Ethnien trotz der Jugoslawien-Spaltung. Selbst wenn du montenegrinischer Staatsbürger bist, kannst du dich beispielsweise für Serbien entscheiden und plötzlich deine Staatsangehörigkeit wechseln, wenn es irgendwas Serbisches in deinem Verwandtschaftskreis gibt. Andersherum können Serben, Kroaten, Albaner und Bosnier auch für uns spielen. Wenn du gefragt bist, kannst du dir das deiner Meinung nach perspektivvollste Land auszusuchen. Das Problem ist, dass du bekanntlich nach einem Einsatz die Nationalmannschaft nicht mehr einfach so wechseln kannst. Auf einmal bereuen nun einige Serben aufgrund der verkorksten Qualifikation, dass sie sich nicht für Montenegro entschieden haben. Außerdem bemerkte ich oft, dass Spieler, die gar nicht vom Potential her für die Nationalmannschaft geeignet sind, eingeladen werden. Das geschieht durch Vitamin B. Diese Spieler und die Verantwortlichen dahinter  (zum Beispiel Berater) , versuchen durch Länderspieleinsätze den Marktwert zu steigern.

Der Balkan ist seit jeher immer ein brodelnder Kessel gewesen. Der Balkan-Krieg ist mir so komplex, dass man da als Außenstehender teilweise gar nicht mehr durchblickt. Dennoch hatten die Jugoslawienkriege auch etwas mit Religion zu tun. Wie sieht das mittlerweile aus, wenn Muslime und Christen zusammen für Montenegro auflaufen? Denkst du, dass Religion eine Rolle spielt?

Nein, beim Fußball wird das ausgeblendet. Sport bleibt Sport und Politik bleibt Politik. Fertig aus.

Wie steht es denn um den Jugendfußball?

Montenegro ist ein kleines Land. Wir haben nicht die Möglichkeiten, die Jugendarbeit wie zum Beispiel Deutschland es vormacht, zu betreiben. Außerdem hat sich der montenegrinische Fußball überhaupt noch nicht entwickelt. Die Besten spielen im Ausland. Unser größtes Stadion in unserer Hauptstadt Podgorica kann rund 17.000 Zuschauer fassen. Angeblich will man es aufstocken auf eine Kapazität von 35.000. Das Geld ist da, nur die Faulheit überwiegt mal wieder beim Ausbau. Ansonsten gibt es überwiegend kleine Stadien, die man hier aus dem Amateurbereich kennt, die erste Liga kann man mit der dritten oder vierten Liga vergleichen, außer vielleicht ein bis zwei Mannschaften, die etwa das Niveau der zweiten Liga haben.

Wie sieht denn der Boom im Land aus nach den bisherigen Leistungen? Welche Sportarten werden noch geliebt?

Fußball ist aktuell die beliebteste Sportart. Selbst die Frauen kennen sich mittlerweile bestens aus und schauen plötzlich Fußball. Neben Fußball interessiert man sich auch für Wasserball, darin sind wir 2008 Europameister geworden, Basketball, Volleyball und Handball.

Wie erklärst du dir, dass so ein kleines Land so viele Spitzenathleten, nicht nur im Fußball, auch andere Sportler verdienen in europäischen Top-Ligen ihr Geld, herausbringen konnte?

Diese Region zaubert schon seit Jahrzehnten Talente aus dem Hut. Wie, weiß ich nicht genau. Vielleicht liegt es an der Bodenständigkeit. Stevan Jovetić zum Beispiel ist ein ganz normaler Junge aus meiner Nachbarschaft. Mein Cousin ist mit ihm befreundet, geht mit ihm raus und zockt Fußball. Das wäre hier unmöglich. Da unten heißt es: nothing is impossible. Die Menschen treiben aufgrund des Klimas auch deutlich mehr Sport. Es sitzt niemand vor dem Rechner. Die Kinder verbringen den ganzen Tag draußen, gehen ans Meer. Es ist eine andere Atmosphäre, weniger verklemmt, man geht mehr aufeinander zu und das Knüpfen von Kontakten ist einfacher.

Lass uns noch mal abschließend auf das Spiel gegen Tschechien kommen. Wer ist da in deinen Augen der Favorit?

Ganz klar, wir! Auf dem Papier nehmen wir  wieder  die Außenseiterrolle ein, mit der wir wunderbar umgehen können. Meiner Ansicht nach, ist Tschechien auch nicht mehr diese spielstarke Mannschaft mit Pavel Nedvěd und Co, wie sie es noch vor einigen Jahren war. Ich tippe darauf, dass wir in Tschechien 1:1 spielen und zuhause können wir uns bei einem 0:0 ein wenig ausruhen – da wären wir wieder bei den Minimalisten…

Was liest man in euren Medien? Die sind doch bekannt dafür, ein wenig realitätsfremd zu sein und stets Optimismus zu verbreiten? Selbst Siege gegen Italien wurden damals so angekündigt, dass das ganze Land wirklich daran glaubte.

Komischerweise halten die sich gerade zurück. Die sehen uns mit Tschechien auf einer Augenhöhe.

Falls Montenegro die Sensation perfekt macht, welche Gegner wünschst du dir bei der Europameisterschaft?

Als erstes unsere Freunde aus England, denen wir bei der WM-Qualifikation 2014 wieder begegnen werden. Die zweite Mannschaft wäre Bosnien und Herzegowina – hoffentlich packen sie auch die Relegation. Dann kann ich mit meiner bosnischen Frau zusammen jubeln, auch wenn die 90. Minuten bei dem Derby wahrscheinlich reichlich Konfliktpotential inne haben werden. Der Dritte im Bunde wäre Deutschland. Und wir kommen natürlich mit drei geschossenen Toren weiter, alles andere wäre Quatsch mit Soße.