Mangel an Pietät

Posted on 2. November 2011 von

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Durchschnittlich tingel ich seit drei Jahren etwa 30 Stunden im Monat mit der Bahn. Damit komme ich insgesamt auf über 1.000 Stunden und wenn ich mich nicht verrechnet habe, sind es dann über 40 Tage am Stück, in denen ich das unzuverlässige Transportmittel nutzte. Manchmal kommt dir das Zugfahren vor wie eine Ewigkeit. Manchmal bist du sauer, über Verspätungen, darüber dass das Klo defekt ist, wenn du vorher drei Kannen Kaffee intus hast, dass du deine Wut kaum noch zügeln kannst. Manchmal lernst du neue Leute kennen. Flüchtige Bekanntschaften. Zufälle. Die Welt ist so klein… „Achwas, den kennst du auch?“ Manchmal empfindest du nur noch Fremdscham!

Ich mag weiß Gott nicht, alle über einen Kamm scheren, das wäre nicht gerecht. Doch immer wieder sind es bestimmte Gruppierungen, die es übertreiben. Sich nicht beherrschen können. Von Anstand nichts verstehen. Die Hörner abstoßen. Die Sau herauslassen und selbst Sau dabei sind. Ich spreche von Fußballfans. Fans, die etwa im Alter von 15-20 sind. Es ist jedes Mal ein identischer Ablauf zu registrieren: Die Birne in Rekordzeit zukippen. Je mehr desto besser!

In diesem anhaltenden Prozess, der irgendwann fast zum Scheintod führt, fliegen Rülpser und vulgäre Scheltworte durch die Luft, dass sich die Balken biegen. Natürlich bedeutet zunehmender Konsum auch für eine Zunahme des Selbstbewusstseins der Halbstarken. Neulich, befand ich mich im Zug und dort unterhielten sich zwei Fans. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass es Schalke-Fans waren: „Wenn wir ankommen, fangen wir an zu pöbeln. Ich hab‘ so einen Bock jemanden Eine zu verpassen.“ „Guck mal da, ein paar Bullenschweine und scheiß Punks, lass die mal anmachen!“ Als ich ein wenig später ausstieg, begutachtete ich beide noch mal: 1,60m mit Hut. Ist klar, ihr und irgendwen vermöbeln.

Manchmal habe ich so ein Gefühl, dass die Liebe zum Verein gar nicht wirklich der Hintergrund für Auswärtsspiele ist. Sondern den Eltern einfach hinter vorgehaltener Hand vormachen, zum Fußball zu fahren. Wenn der Vati dann gerade auch Fan von Verein X Y ist, wird er dies sicherlich honorieren, tolerieren und unterstützen. Ein Argument für länger draußen bleiben zu dürfen. Schließlich braucht man ja auch über X Y Stunden bis nach Z mit dem Zug… Da kann das Bacchanal beginnen!

Mir ist es eigentlich egal, wer sich wie und wo besäuft, aber weniger gleichgültig, wenn es so etwas von pietätlos wird. Wenn so lauthals über Masturbieren, Körperflüssigkeiten austauschen, Stuhlgang, Vomieren etc. pp. ausgetauscht wird und ein neben mir sitzender Vater mit seiner circa zehnjährigen Tochter kopfschüttelnd einen anderen Sitzplatz im überfüllten Zug suchen will, hört es auf. Wenn das komplette Abteil inklusive Großväter, Großmütter, Söhne, Töchter, Beleidigungen ernten muss von irgendwelchen Heranwachsenden, die kurz vor ihrem ersten Bartansatz stehen, hört es auf.

Sehe ich das zu drastisch? Werde ich langsam alt? Schwinge ich die Moralkeule ein wenig zu stark? Jetzt kann irgendwer kommen mit: „Der für sein exzessives Feiern bekannt ist, mimt die Moralapostel…“ Gilt aber in diesem Fall nicht! Erfahrungen mit König Alkohol hin oder her, alte Menschen beleidigen und bedauerlich sein, ist weniger mein Ding. Obwohl ich es natürlich nicht verurteile und selbst oft einfach genieße, diese zwei, drei Bierchen, bin ich trotzdem dafür, dass die oben beschriebenen Szenarien ein Ende haben: gegen den Konsum in Zügen!

Foto: Flats!