Deutsche Tugenden verinnerlichen

Posted on 28. Oktober 2011 von

0


Interkulturelle Kompetenz. Kulturstandards. Damit beschäftigt sich die Wissenschaft. Ein immer modern werdender Zweig, der erst seit einigen Jahren richtig Beachtung findet. Eigentlich seit Beginn der Globalisierung. Wozu das Ganze? Oft kommt es zu critical incidents. Zu Fällen, in denen Personen aus zwei unterschiedlichen Kulturkreisen aufeinandertreffen und sich deswegen irgendwie falsch verstehen. Beispielsweise gibt es bestimmte Verhaltensregeln in einer Kultur, die in einer anderen vollkommen anders sind, Gesten die bei uns Westeuropäern als normal eingestuft werden, in der arabischen Welt zum Beispiel beleidigend wirken können. Folglich werden sogenannte Trainings angeboten, insbesondere wenn zwei Unternehmen, respektive Politiker, aus unterschiedlichen Kulturen stammend kooperieren, verhandeln – damit es eben nicht zu Missverständnissen kommt, wenn es um viel Geld/ wichtige Entscheidungen geht und man Fingerspitzengefühl entwickeln muss, damit man seinem Verhandlungspartner nicht unfreiwillig auf den Schlips tritt.

Die Deutschen sind dafür bekannt, dass sie stets pünktlich sind, sich an Regeln halten: „Auf sie kann man sich verlassen“, lautet der O-Ton aus dem Ausland. Kritiker wie ich behaupten dagegen, dass diese Kulturstandards oft nur eine Tendenz angeben. Sicherlich lassen sich über 80 Millionen Einwohner nicht auf einige Eigenschaften reduzieren. Die Individuen sind dermaßen unterschiedlich, dass eine Definition nicht ausreicht. Ich brauche nur auf einige deutschstämmige Freunde von mir zu schauen: Pünktlichkeit bedeutet cum tempore. Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden. Würde ich diese Standards auf meinen Bekanntschaftskreis anwenden, würde diese Theorie der Forscher nicht aufgehen.

Im Sport und insbesondere im Fußball wird oft von „deutschen Tugenden“ gesprochen. Die hiesige Nationalmannschaft ist bei großen Turnieren für ihre „deutschen Tugenden“ bekannt. Was man darunter versteht? Fleiß, Arbeit, Disziplin – die deutschen Kulturstandards eben. Positive Eigenschaften. Und auch die Duden-Definition von „Tugend“ spuckt mit „die sittlich wertvolle Eigenschaft eines Menschen“ etwas Positives aus. Einige andere Auszüge aus der Medienlandschaft, die von Tugend sprechen:

Arsenal erwartet von Mertesacker deutsche Tugenden

Oranje entdeckt „deutsche Tugenden“

Sammer: Deutsche Tugenden nicht vernachlässigen

Das war das Besondere an dieser Mannschaft. Wir hatten Spieler aus den unterschiedlichsten Teilen Deutschlands und aus vielen Kulturen und Ländern dabei. Trotz dieser Mischung haben wir als Team die sogenannten deutschen Tugenden gezeigt. Wir hatten den absoluten Siegeswillen, jeder ist für den anderen gelaufen – diese Eigenschaften haben uns durchs Turnier getragen.“ – Andreas Beck

In seiner Heimatstadt Porto Alegre ist der Mann [Dunga] der deutschen Tugenden genauso umstritten wie im übrigen Brasilien. Seine Aversion gegen Ronaldinho gehe auf das Lokalderby Gre-Nal im Jahr 1999 zurück, weiß man hier.

Der Vorstands-Chef von Meister Bayern München und Vizeweltmeister von 1986 setzt vor allem auf die „deutschen Tugenden“. Die Nationalelf könne nur über den Kampf zum Erfolg gelangen.

Zudem könne er aus Spanien auch besondere Erfahrungen mitbringen, meinte Schuster. „In Spanien hat es ja geklappt. Ich habe auch deutsche Tugenden mitgebracht, und ich glaube, dass es auch umgekehrt mit Sicherheit funktionieren würde“, sagte der 47-Jährige, der als Coach in Deutschland den 1. FC Köln und Fortuna Köln betreut hatte.

Eine richtige Definition von „deutscher Tugend“ im Fußball lässt sich nicht einfach so finden. Zu schwammig, zu blumig. Es ist schier einfach eine deutsche Eigenschaft, die sich so durchgesetzt hat und die die Medien/ gewisse Personen verbreiten…Vielmehr beherbergt der Begriff Vergleiche mit dem Militär. „Kämpfen, kämpfen, kämpfen“. Vielleicht kommen diese „deutsche Tugenden“ auch daher, dass die deutschen Fußballer früher mal eher technisch weniger versiert waren wie zum Beispiel die leichtfüßigen Brasilianer und mehr über das Kollektiv Erfolge erzielten. Teamgeist und so. Ich bin mir nicht sicher…

Roman Pawljutschenko, russischer Torjäger im Dienste von Tottenham Hotspurs, sprach neulich in einem Interview davon, dass Russen nie aufgeben. Normalerweise dann auch eine deutsche Tugend, oder nicht?

Worauf ich hinaus will: In meinen Augen sollte jede erfolgreiche Mannschaft, diese Tugenden verinnerlichen, ansonsten wird sie nicht erfolgreich sein. Aufopferungsvoll spielen. Die Spieler müssen sich auf dem Feld unterordnen, im Sinne der Mannschaft. Fleißig trainieren und an sich arbeiten. Ohne diese Eigenschaften, die ihren Ursprung aus den preußischen Tugenden haben, wird keine Elf der Welt funktionieren.

Und seien wir doch ehrlich, die spanische Nationalmannschaft, die momentan alles rockt und unbezwingbar scheint, hat doch ähnliche Tugenden auch verinnerlicht. Wieso spricht man eigentlich nicht von spanischen Tugenden? Oder wie sehen diese bitte aus? Haben Spanier keine eigenen Tugenden? Alles von den Deutschen abgekupfert?

Fotos: Mando Gomez / Jake Bellucci