Identitäten in Blogs – Eine Hommage an Trainer Baade

Posted on 27. Oktober 2011 von

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Vor einigen Semestern verfasste ich einen Essay zum Thema „’Ich‘ Medien – Selbstdarstellung und Erzählung in Sozialen Medien“. Speziell drehte es sich um Identitäten in Blogs. Ein Blog, das ich mir für diese kleine Untersuchung herausknüpfte, war das von Trainer Baade. Ich überlegte lange, ob ich diesen wissenschaftlich angehauchten Text an dieser Stelle überhaupt veröffentlichen sollte. Doch angesichts dessen, dass der Trainer Baade heute im DJäzz in Duisburg eine Lesung („Drama Queens in kurzen Hosen“) halten wird, dachte ich mir, dass es keinen perfekteren Zeitpunkt gibt, diesen einfach rauszuhauen und gleichzeitig ein wenig Schleichwerbung für diese Veranstaltung zu betreiben.

Wie sich ein Nutzer im Web 2.0 selbst darstellt, bleibt ihm individuell überlassen. Er alleine kann darüber entscheiden, ob sich die Identität von seiner Identität im real life unterscheidet oder nicht – es sind ihm keine Grenzen gesetzt. Laut Misoch und ihren Forschungen ergab sich folgendes Ergebnis, was die Selbstdarstellung auf privaten Homepages/Blogs betrifft: 92% der Befragten gaben an, sich authentisch auf ihren Seiten zu präsentieren. Misoch folgert daraus, dass die meisten Nutzer spielerisch-experimentell mit der eigenen Identität umgehen.

Unbestritten gibt es im Netz zahlreiche User, die mit ihren Figuren und Identitäten populär wurden. In meinem Essay möchte ich mich mit der Figur Trainer Baade, die ein Sport- bzw. Fußballblogger ist, beschäftigen und diese untersuchen. Baaders Seite gehört zu den meist gelesenen Blogs dieser Thematik und wird in Insiderkreisen als kultig bezeichnet. Baade heißt in Wirklichkeit Frank Baade und schreibt über die verschiedensten Themen um die Fußballkultur. Dabei entgehen ihm keine Statistiken, Trends oder andere unausgesprochenen, vermeintlichen Nebensächlichkeiten in der Branche.

Eine Blogstudie der Universität Leipzig, die 2007 durchgeführt wurde, ergab, dass man in Deutschland fünf Typen von Blognutzern unterscheidet. 17,7 Prozent der Befragten lassen sich in die Gruppe der Selbstdarsteller einordnen. Die größte Gruppe bilden die Wissensdurstigen (23,7 Prozent). Trainer Baade würde ich in beide Gruppen zuordnen, da dieser „etwas zu sagen hat“ und Hintergrundinformationen sucht und präsentiert.

Sherry Turkle, die mit ihrem Werk „Identität im Zeitalter des Internet“ vor über zehn Jahren einen Klassiker veröffentlichte, schrieb, dass Menschen durch das Web 2.0 Dramen projizieren, in denen sie Produzent, Regisseur und Star zugleich sind. Ähnliches ist bei Trainer Baade zu beobachten: In einem Blog-Eintrag reflektiert er detailvoll seine Kindheit und rundet in der Pointe ab, dass er in einem Schwimmbad neben biertrinkenden Eintracht Frankfurt-Fans saß und genauso unbeschwert wie sie leben wollte. Wieder ist dem Leser nicht klar, ob sich diese Geschichte in der Realität gleichermaßen abspielte oder ob es eine fiktive Erzählung ist. Fakt ist allerdings, dass die exakten Beschreibungen den Rezipienten fesseln, weil dieser die Beobachtungen teilweise auch auf seine Kindheit projizieren kann.

In den Medien ist heutzutage viel darüber zu lesen, wie man mit seiner Identität im Internet umzugehen hat und es wird davor gewarnt, nicht alles von sich preiszugeben. Baade, der sein Blog täglich mit neuen Beiträgen füllt, verrät demnach vermutlich sehr viel über sich und sein Leben – auch wenn es nicht nur autobiografische Beiträge gibt.

Dennoch sind es die Posts, in denen es um die Lebensgeschichte des Autors geht, unter denen die meisten Kommentare zu lesen sind. Aber was sind die Gründe dafür, dass diese so beliebt sind? Döring stellt dazu Folgendes fest und sagt, dass je mehr man sich öffnet, desto größer  die Anhängerschaft sei:

„Die Forschung hat gezeigt, dass Selbstdarstellung in privaten und geselligen Netzkontexten eben gerade nicht durch „Maskerade“ gekennzeichnet ist, sondern eher durch verstärkte Selbstoffenbarung, die intime persönliche Beziehungen fördert und zur Selbstentwicklung genutzt werden kann.“

Medienwissenschaftler und Keynote-Speaker Geert Lovink unterstützt dieses Argument. Folglich erklärt dieser, dass man zwischen On- und Offline-Identität nicht unterscheiden solle und eine Trennung absurd wäre. Ferner folgert er, dass die Grenzen der beiden Identitäten verschwimmen und Wechselwirkungen offensichtlich seien. Web 2.0 User merken demnach schnell, ob eine Identität echt ist oder nicht – mit der Zeit entwickelten diese durch unterschwellige Werbebotschaften ein Gespür dafür.

Generell denke ich, dass es in der Natur des Menschen liegt, sich auszudrücken und nach Aufmerksamkeit zu streben. Heutzutage ist es möglich diese Komponenten im Internet zu verfolgen – früher war man nur Empfänger, nun kann man auch Sender sein.

Interesse erlangt man dadurch, indem man sich so etwas wie eine Marke aufbaut. Dadurch wird Identität und Glaubwürdigkeit vermittelt. Hinzu gewinnt man Anhänger und Leser, wenn man gewisse Maxime festlegt und einen eigenen Stil pflegt, der sich von anderen unterscheiden soll. Ergo, man muss eine persönliche Marke kreieren – ein persönliches Branding – ansonsten droht die Gefahr in den Sphären des Netzes unterzugehen. Trainer Baade konnte unbestreitbar mit seiner Identität eine Marke erschaffen. Die Besucher, die sein Blog aufrufen, wissen woran sie sind und dass man beim Trainer stets Qualität vorfindet.

Nachdem dieser Essay verfasst wurde, gab der Trainer später ein Radio-Interview, in dem er so einiges über seine Identität verriet 😉

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