Mein erstes Mal – Teil 1

Posted on 21. September 2011 von

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Wahrscheinlich noch F-Jugend. Ein kleiner Furz. Im Zimmer hängen Poster von Jürgen Klinsmann und Mehmet Scholl. Nur zu besonderen Anlässen wird das gefälschte Trikot aus Italien mit Klinsis Nummer 18 aus dem Schrank geholt. Ich erinnere mich, dass es eine Fahrt vom Fußballverein war – in dem Alter reichte die Kondition; ein noch unstrapazierter, gesunder, junger Körper – und mein Vater mich dabei begleitete. Für Bayer Leverkusen lief es in der Saison 1995/96 gar nicht. Bayer stand mit einem Bein auf einem Abstiegsrang. Da mussten die Zügel angezogen werden, Trainer Erich Ribbeck wurde entlassen und der Co, Peter Hermann, übernahm den Job des Feuerwehrmannes und Interimcoaches. 1860 München konnte befreiter aufspielen. Die Löwen befanden sich im sicheren Mittelfeld.

Es war die Spielzeit als Olaf Bodden und Bernhard Winkler zusammen beachtliche 24 Tore erzielten und die Verteidiger erzittern ließen. Klingt heute komisch, ist aber so. Der polnische Spielmacher Piotr Nowak bediente dabei die beiden Stürmer stets mit Vorlagen. Jens Jeremies wurde als aufstrebendes Talent in der Bravo Sport abgebildet. Auf der Gegenseite ließen die beiden Veteranen und Altstars Rudi „Tante Käthe“ Völler und Bernd „der blonde Engel“ Schuster ihre großen Karrieren ausklingen.

Die Busfahrt ging schnell vorüber. Es kam mir zumindest so vor. Im Bauch kribbelte es. Die Nervosität stieg. Das kleine Herz begann zu rasen. Schon Tage vorher bereitete das Einschlafen, bei dem Gedanken ein Bundesligaspiel in einem echten Stadion zu sehen, große Probleme. Nicht mehr „Ran“ einschalten müssen, mittendrin zu sein. In den Tiefen meines Schädels finde ich, dass mein Vater für Leverkusen war. Kein Fan. Aber ein großer Sympathisant, der in Ulf „den Schwatten“ Kirsten seinen Lieblingsspieler gefunden hatte. Ich war für Leverkusen. Aus Solidarität zu meinem Vater. Bayer klang fast wie die geliebten Bayern aus München, 1860 irgendwie naiverweise weniger. Warum auch immer fanden wir uns deswegen nicht in der Bayer- sondern 1860-Kurve wieder, obwohl es für die Bayer-Seiten auch Karten gab, zwischen Oberlippenbärtchen, auch genannt Orgasmusbeschleunigern, und weiß-blauen Kuttenträgern. Doch das merkte ich anfangs irgendwie nicht…

Mein Vater war noch nie in einem deutschen Stadion gewesen, genauso wenig wie ich davon Ahnung hatte, dass man in der Gästekurve nicht aufspringt, wenn der Gastgeber trifft. Die Arme in die Höhe reißt und vor Freude schreit, auch wenn neben dir seltsam eingehüllte Todenstille herrscht. Merkwürdig. Die Pornobalken blickten fies. Sagten aber nichts, da ein Achtjähriger ja ahnungslos ist. Von Hass und Todschlag nichts versteht.

Wir hatten ein Fernglas mit, das ich stets auf Ulf, Rudi oder den Ballakrobaten Paulo Sergio richtete. Ich lernte. Guckte ab. Genau wie Paulo wollte ich fortan bei einem Foul meines Gegners, egal wie hart es war, extra länger liegenbleiben und mich erst bewegen, wenn der Schiedsrichter zur Karte griff oder meinem Gegenspieler für fünf Minuten eine Denkpause verpasste (ich glaube, ab er der C-Jugend gab es erst Kartons). Alternativ könnte ich auch den an Land gespüllten Fisch spielen. Klappte bei Paulo auch. Ich analysierte, dass Paulo immer ein schmerzverzerrtes Gesicht mit Hundeblick auftrug. Sich wälzte, bis der da im schwarzen Dress reagierte. Dann sich wieder aufrappelte, um den Freistoss schnell auszuführen. Aha, so machen es die Profis also.

Oft sprang der eisenharte Bernhard Trares dazwischen, der mit einem Gipsarm auflief. Doch Leverkusen ging früh durch Völler in Führung. Kirsten baute den Vorsprung noch einmal aus. Als Bodden den Anschlusstreffer machte, war die Spannung spürbar. Aus der Richtung von Werner Lorants Trainerbank stiegen immer wieder Rauchschwaden hoch. Werner Beinhart gestikulierte, dirigierte, pfiff, paffte. Doch am Ende blieben die drei Punkte in Leverkusen.

Zwischendurch verlieh ich mein Fernglas an einen Mannschaftskameraden, der neben mir saß. Wir hatten einen Deal: Wenn er durchschauen wollte, durfte er nur, wenn ich auf der Rückfahrt als Gegenleistung seinen Game Boy bekam. Tetris hatte er eingelegt. Davor ein paar Mal in die Schnittstelle des Spiels und Game Boys gepustet. Dadurch musste es besser laufen. Faszinierendes Spiel. Einprägsamer Sound.

Am Ende der Saison war klar, dass wir einen historischen Moment eingefangen hatten. Mein erstes Mal, gleichbedeutend für ein letztes Mal: Rudolf Völler erzielte das letzte seiner umjubelten 132 Bundesligatore an diesem 4. Mai 1996. Wie? Weiß ich nicht mehr. Aber ich war irgendwo im Ulrich-Haberland-Stadion umschlungen von 1860-Fans als einziger am Jubeln.