Bananen-Protest in Krasnojarsk

Posted on 15. Juli 2011 von

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Russland und die Bi­zarr­heit… Tagtäglich lässt sich problemlos irgendetwas Außergewöhnliches, uns, der westlichen Kultur, Bizarres finden. Die deutschen Medien schrecken auch nicht davor zurück, immer mehr auf das Russland-Bild einzuprügeln. Prollige Urlauber, die „uns den Türkei-Urlaub versauen“ zum Beispiel. Ich könnte eine schier unendliche Liste anfertigen, mit Meldungen, die das negative Russland schonungslos tiefer in den Sumpf ziehen. Doch Russland bietet wirklich obskure Nachrichten. Vorlagen, die freilich zum Einlochen einladen (Politikstudent schreibt über seine Erlebnisse als Praktikant im Parlament – und fliegt raus). Jüngst entdeckte ich das hier, das über einen Vorfall während der Partie Sibir Novosibirsk – Enisey Krasnojarsk in der zweiten russischen Liga berichtet.

Kurz vor der Begegnung, die üblichen Kontrollen. Wer schon mal einem russischen Fußballspiel beiwohnte, weiß wovon ich rede – zumindest wenn es auch internationale Aufmerksamkeit genießt. Penetrant, aber irgendwo auch berechtigt. Sicherheit geht vor. Zum Spiel in Novosibirsk und dem Aufreger – die Konversation könnte etwa so vonstatten gegangen sein:

Polizist: Rucksäcke? Pyro?

Fan: Nee, nicht dabei.

Polizist: Messer? Wurfgeschosse? Spitze Gegenstände?

Fan: Ebenfalls nicht.

Polizist: Irgendwelche Bomben oder etwas Explosionsartiges?

Fan: Was unterstellen Sie mir?

Polizist: Aha, was haben wir denn hier? Eine Banane. Interessant, interessant! Sie wissen schon, dass Sie damit nicht hereinkommen?

Fan: Es handelt sich um eine BANANE!

Polizist: Okay. Entweder Sie essen diese jetzt oder schreiben mir eine fundierte Erklärung, was Sie mit dieser Frucht denn vorhaben!

Hintergrund dieses Verhaltens des Polizisten könnte der Roberto-Carlos-Vorfall sein. Die B.Z. berichtete:

Neuer Rassismus-Skandal in der russischen Fußball-Liga: Wegen eines Bananenwurfs hat der brasilianische Star Roberto Carlos verärgert das Spielfeld verlassen. Er sei sehr enttäuscht, sagte der 38-jährige Kapitän des Erstligisten Anschi Machatschkala nach dem Spiel in Samara an der Wolga. Deshalb ging der Superstar in der 90. Minute aus Protest vom Platz.

„Das war keine Kurzschlussreaktion, sondern geplant“, so Carlos frustriert. Es war bereits das zweite Mal in dieser Saison, dass gegnerische Fans den dunkelhäutigen Linksverteidiger auf diese Weise beleidigten. Russische Fußballfans sorgen immer wieder mit rassistischen und rechtsextremistischen Aktionen für Skandale. 2018 wird in Russland die Weltmeisterschaft 2018 stattfinden.

Wieder einmal gingen Russland und die russische Liga mit einem faden Beigeschmack durch die Welt. „In Zukunft wird das nicht mehr passieren“, dachte sich wohl der Bananen-Polizist. Doch Blogger Igor Mordvinov sieht dem ziemlich kritisch gegenüber und organsiert eine Protestaktion, – „Dürfen wir demnächst nicht mehr Bananen ins Stadion mitnehmen? Nur noch Orangen?“  –, um der Polizei zu zeigen, wie absurd das Verhalten eigentlich war.  In seinem Blog lädt er ein: Das Pokalspiel Enisey Krasnojarsk gegen Lokomotiv Moskau (17. Juli) soll der Austragungsort des Protestes werden. Dazu gab er Folgendes bekannt:

Kein Rassismus! Es wird keine Bananenwürfe von Protestteilnehmern aufs Spielfeld geben! Möglich ist es, dass wir die Bananen zeitgleich vor den Augen der Polizisten essen. Möglich ist auch, dass wir nach dem Spiel, die Bananen den Polizisten schenken.

Mordvinov plane die Bananen kurz vor dem Spiel zu besorgen und vor dem Eingang jedem Fan, der ein Ticket vorzeigen kann, zu überreichen. Fraglich nur, ob diese Bewegung nicht im Vorfeld im Keim erstickt wird, wie es sonst normalerweise bei kritischen Protesten in Russland üblich ist und Mordvinov statt in die Banane in den sauren Apfel beißt.

Eine Banane ist krumm, jedoch legal.  Was mit ihr angestellt wird, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Foto: Wolfy Hopeless    

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