Mein Vater

Posted on 14. Juli 2011 von

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Seit geraumer Zeit, ja eigentlich seitdem es Social Media-Plattformen gibt, muss alles fotografiert und festgehalten werden. Triffst du einen, musst du damit prahlen. Ein Foto mit ihm schießen und es als Profilbild verwenden. „Krass, du hast den einen von „Deutschland sucht den Superstar“ getroffen! Was hat er gesagt?“ „Er war so nett!“ Prominente, oder welche, die es zurzeit vermeintlich sind! Seitdem es Handys gibt, die über eine Kamera verfügen, muss auch nicht mehr die schwere Polaroid mitgeschleppt werden. Auch Fußballer sind hoch im Kurs. Sehr hoch im Kurs. Dafür fährt man so eben die 500km zum Trainingslager, um dann nachher ein Bild mit Ali Karimi (ggf. einen anderen Namen wie Victor Ikpeba einsetzen, der ein wenig lächerlich erscheint) zu schießen. Arm in Arm. Fan trifft Idol. Das Idol, das so nett ist, weil es sich Zeit für die Fans nimmt. „Hab dich ganz doll lieb, Ali – du warst so einfühlsam!“

Mein Vater hat die Gabe, prominente Sportler, oder Leute, die etwas mit Sport zu tun haben, zufällig im Urlaub zu treffen. Vor ein paar Jahren lag er am Strand, hatte seine drei Bierchen zum Mittag verdrückt und das Meeresrauschen wiegte ihn in den Schlaf. Mittagspause. Durch undefinierbare Geräusche wachte er plötzlich auf. Neben ihm ein etwa 1,85m großer Typ. Längere Haare. „Gesicht kommt mir bekannt vor.“ „Sorry“, sprach er und ging auf die Person zu, ausgestattet mit irgendeinem Stück Papier und einem defekten Kugelschreiber. Er hielt es ihr unter die Nase. Schnell merkte er, dass der Schreibartikel nicht funktionstüchtig war. „Uno momento!“, geistesabwesend, dass es sich um keine italienische, sondern eine spanische Person handelte. Forsch suchte er nach einem neuen Ding, mit dem der Star etwas kritzeln sollte. Er fand und bedankte sich schließlich mit „Senk ju“. Rafael Nadal nickte nur und wusste, dass er erkannt worden war.

Im letzten Jahr besuchte mein Vater die Kathedrale von Palma de Mallorca. „Den kenne ich doch.“, schaute er zu einer Gruppe deutscher Touristen, die eine Führung in Anspruch nahmen. Schnauzbart. Augenringe. Unnatürliche Bräune. Sicher dat! „Vater“, meinte ich nach seiner Rückkehr, „wieso hast du dich nicht unter dem Jesus-Kreuz mit ihm ablichten lassen? Das war doch der Messias!“ „Nee“, seine Antwort, „nach der ganzen Koks-Geschichte ist er mir nicht mehr koscher, der Daum.“

Mein Vater, noch aus einer Generation, die noch abwägen kann. Nicht mit jeder sportaffinen Person ein Foto schießt. Es sich aussucht, ob er diejenige anquatscht oder sie einfach kommentarlos vorbeiziehen lässt. Prahlen braucht er nicht. Schließlich ist er nirgends angemeldet, weder auf Elitepartner, Facebook oder sonstwas.de. Jetzt geht es bald für Vater wieder in Richtung Süden und ich bin gespannt wie sich der Lauf der Dinge fortsetzt, welche Anekdoten folgen werden.

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