Anzhi, Lifesports.ru und der Transfermarkt

Posted on 12. Juli 2011 von

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Es ist schon ein wenig her. Richtig ins Gedächtnis rufen, kann ich es nicht mehr. Muss wohl irgendwas zwischen neunte und zehnte Klasse gewesen sein: Informatik. Damals noch ein Leser der „Sport Bild“. Internet gab es zu Hause noch nicht. Man trat einem Computerverein bei, besuchte immer öfter den Jugendtreff oder versuchte irgendwie anders an das neue Medium zu kommen. Plötzlich schaute man immer wieder öfter bei „Freunden“ vorbei, denen „the next big thing“ schon verfügbar war. Jedenfalls hatte die „Sport Bild“ damals eine Rubrik, wo relevante Websites vorgestellt wurden wie transfermarkt.de. Eine Seite, auf der sich sogar die Manager der Profivereine herumtreiben sollten und die Datenbanken sichteten. Im Informatik-Unterricht empfahl ich dieses neue Projekt. Anstatt „Blobby Volley“ wurden jetzt die höchsten Marktwerte abgecheckt, verglichen, gestaunt.

Mittlerweile sind Jahre vergangen, Internet nicht mehr als Innovation gezählt. Es ist standardisiert. Etwa über 72% der Deutschen über 14 Jahren sind up to date und online. Vieles hat es vereinfacht, vieles ist auch gleichzeitig revolutioniert und aber auch irgendwie schlechter geworden, eins jedoch geblieben: meine Besuche bei transfermarkt.de – obwohl die „Bösen“, der Axel Springer Verlag, ihre Finger mit im Spiel haben.

Ein Feature, das besonders geschätzt wird, weil immer aktuell, die Gerüchteküche. Vermeintliche Experten, Leute, die es als großes Hobby führen, kopieren Texte von anderen Quellen, kurz nachdem sie publiziert wurden. Hauptsache der Erste sein und die Diskussion kann beginnen. Dieses Sammelsurium, das stets Aktualität darzubieten hat, von Spielern und Vereinen aus x-beliebigen Ligen, und teils lächerlichen Threaderöffnungen, rundet die Tage ab und die Stammtischgespräche mit den heißesten News auf. Die Marktwerte sind natürlich mit Vorsicht zu genießen und interessieren kaum – auch Andreas Ibertsberger und Konsorten übrigens eher nicht:

SN: Kennen Sie eigentlich Ihren aktuellen Marktwert auf der Plattform „transfermarkt.de“?

Ibertsberger: Ich weiß es gar nicht, irgendwas bei 2 Millionen Euro?

SN: Richtig. Ist so etwas ein Thema unter Spielern?

Ibertsberger: Darüber wird eigentlich nie geredet. Außer, wenn rumgeflachst wird. Ein Verein hält sich sowieso nicht an diese Zahlen.

Durch das ständige Hereinschauen in die Küche der Gerüchte lernst du eins ganz schnell: Welche Quellen sind tauglich, welche lassen vor Wut die Experten, Paten und Admins, die Köpfe rot anlaufen und den Puls auf 200 bringen. 4-4-2.com zum Beispiel ist Teufelswerk und wird nicht mehr geduldet. Erfinden aus dem Boden lauwarme Gerüchte, heißt es. Auch in der russischen Medienlandschaft gibt es die oder andere satanistische Seite wie lifesports.ru. Ihr Lieblingsclub, um Ammenmärchen zu kreieren: Anzhi Makhachkala, Verein aus der dagestanischen Hauptstadt und momentan schon ein wenig überraschend Fünfter der russischen Liga. Anzhi, wo Roberto Carlos noch aktiv ist (Jahresgehalt etwa 6 Millionen Euro), der, es muss erwähnt werden, von seinem Präsidenten und Oligarchen Suleiman Kerimow, zu seinem 38. Geburtstag eine Feier im Wert von 3 Millionen Dollar spendiert bekam. (In einem Moskauer Nobelklub wurde eigens dafür, der amerikanische Rapper US-Rapper Flo Rida eingeflogen und Kevin Kuranyi soll wohl auch mit von der Partie gewesen sein.)

Suleiman Kerimow ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, warum lifesports.ru immer so fleißig berichtet. Denn Kerimow hat Geld. Großes Geld. Und der betuchte Kerimow investiert auch, in Stadion, Trainingsgelände und Transfers. Kürzlich konnte sogar der Ungar Balázs Dzsudzsák unter Vertrag genommen werden, zwar für 14 Millionen Euro Ablöse, doch Dzsudzsák wurde bei vielen anderen Top-Adressen in Europa gehandelt, unter anderem auch beim Hamburger Sportverein. Ein internationaler Hochkaräter.

Was macht also Kerimow, der mit einem Gesamtvermögen von 7,8 Billionen US-Dollar auf dem 118. Platz der „Die reichsten Menschen der Welt“ Forbes-Liste rangiert, um Anzhi noch weiter nach vorne zu bringen? lifesports.ru weiß, wer noch ganz sicher kommen wird, an wem Interesse besteht. Wollen wir mal die vergangenen Gerüchte auflisten und schauen hinterher was herauskommt!

12. Juli 2011: Da Anzhi mit aller Macht versuche, einen tauglichen Stürmer zu verpflichten, ist der deutsche Nationalspieler vom VfB Stuttgart, Cacau, ins Augenmerk von Anzhi gerückt. Weil das Ganze so dringlich sei, würde Anzhi 8 Millionen Euro für ihn bezahlen – mehr würde er nicht kosten. Um lange Verhandlungen aus dem Weg zu gehen, ist Anzhi sofort bereit, diese Summe zu überweisen. Cacau werde in Anzhi 4 Millionen jährlich verdienen, also mehr als in Stuttgart. Schon bald werde Anzhis Präsident Kerimow auf den VfB zu gehen, heißt es von einer Quelle.

06. Juli 2011: Auf der Suche nach einem Stürmer mit Weltklasse-Format ist Anzhi fündig geworden. Luís Fabiano soll es richten, der nach seinem Engagement beim FC Sevilla nach Brasilien, São Paulo Futebol Clube, zurückgehrt ist. Anzhi möchte dem ehemaligen brasilianischen Nationalspieler einen Dreijahresvertrag anbieten und ihn wieder nach „Europa“ zurückholen. Schließlich wolle Anzhi wettbewerbsfähig sein, wenn es sich für den europäischen Wettbewerb qualifiziere. Der Marktwert von Fabiano wird auf 6 Millionen Euro geschätzt. São Paulo verlange das Doppelte.

04. Juli 2011: Weil Stürmer Diego Tardelli noch verletzt ist und Jan Holenda das Format Weltklasse nicht besitzt, plant Anzhi Nicolas Anelka von Chelsea zu verpflichten. Wie einige britische Zeitungen bereits berichteten, setze der neue Coach André Villas Boas nicht mehr auf den Franzosen. Eine Quelle von Anzhi bestätigte: „Unser Club strebt nach Höherem und dafür müssen wir uns sinnvoll verstärken. Anelka ist ein starker Spieler, da benötigen wir gar keine Empfehlungen von Dritten, er würde uns weiterbringen. Bisher aber noch etwas Konkretes zu den Modalitäten zu verkünden, wäre noch zu früh. (Überschrift des Artikels: Anelka geht zu Anzhi).

03. Juli 2011: Anzhi steigt in den Poker um Djibril Cissé ein. Aber auch Rubin Kasan hat die Fühler nach dem Franzosen ausgestreckt. Cissé, der als ein schwieriger Charakter gilt, würde 14 Millionen Euro kosten. Da sein griechischer Club Panathinaikos Athen momentan mit finanziellen Problemen zu kämpfen habe, ginge dieser bei der Ablöseforderung sicherlich herunter.

01. Juni 2011: Die von Trainer Gadzhi Gadzhiev trainierte Mannschaft Anzhi ist bereit, um die 10 Millionen für den israelischen Mittelfeldspieler Yossi Benayoun von Chelsea zu bezahlen. Avraham Grant, ehemaliger Chelsea-Trainergab eine Empfehlung für seinen israelischen Landsmann ab. Darüber hinaus könnte Grant, der eine Freundschaft mit Suleiman Kerimow pflegt, einen Posten als Technischer Direktor von Anzhi bekleiden. Benayoun spielte bereits bei Maccabi Haifa unter Grant. Wie eine Quelle berichtet, würde Anzhi bei einer Verpflichtung von Benayoun das Geld in die Hand nehmen und es sich nicht zwei Mal überlegen, einen Spieler dieser Art für sich zu gewinnen. Gadzhiev widerlegte weder, noch bestätigte er das Interesse an Benayoun (Überschrift des Artikels: Anzhi holt Benayoun).

28 Juni 2011: Der 29jährige russische Nationalspieler und Stürmer Roman Pavlyuchenko wird seiner Karriere bei Anzhi fortsetzen. Schon bald wird sich der noch bei Tottenham Hotspur angestellte Torjäger dem Verein Anzhi anschließen. Mit den Spurs habe man sich zudem auch schon einigen können, die Ablöse würde sich auf 15 Millionen Euro belaufen. Jetzt gehe es nur noch darum, eine Einigung mit Pavlyuchenko und seinem Vertrag zu erzielen, wird ein Informant zitiert. Anzhis Trainer Gadzhiev pflichtete bei, dass ein Spieler wie Roman immer interessant sei, insbesondere unter dem Aspekt, dass er die russische Staatsbürgerschaft habe (Ausländerregelung).

23. Juni 2011: Wie ein Vertreter von Anzhi bekannt gab, stehe Yuri Zhirkov (Chelsea) im Fokus von Anzhi. In Makhachkala soll Zhirkov 5,5 Millionen Euro jährlich verdienen. Zhirkovs Vertrag in London laufe nur noch ein Jahr und werde nicht verlängert.

16. Juni 2011: Juan Román Riquelme (Boca Juniors) könnte der nächste große Coup für die russische Liga werden. Suleiman Kerimow sei schon lange ein Fan von Riquelme und werde alles Mögliche versuchen, ihn zu verpflichten, heißt es von einem Informanten. Riquelme soll circa 3,5 Millionen Euro kosten. Gadzhiev sagte dazu: „Wir interessieren uns für viele Fußballer. Suleiman Kerimow hat sich schon einige Male mit Gennaro Gattuso getroffen. Riquelme ist allerdings nicht einer von den Spielern, die uns verstärken würden.“

08. Juni 2011: Anzhi werde dem uruguayischen Keeper im Dienste von Lazio Rom, Fernando Muslera, schon bald ein Angebot (3 Millionen Dollar jährlich) vorlegen. Das wäre eine deutliche Gehaltserhöhung für den Torwart, der in Italien lediglich 2 Millionen verdiene. Eine Quelle von Anzhi fügte hinzu, dass das Gehalt für Muslera eine große Rolle spielen solle und deswegen das der entscheidende Faktor für einen Wechsel zu Anzhi werde. Musleras Berater gab zudem bekannt, dass sein Spieler nicht mehr für Lazio spielen wolle.

06. Juni 2011: Niemand geringeres als Samuel Eto’o sei interessiert an einem Wechsel zu Anzhi Makhachkala. Dieser Transfer soll auf einem Level mit dem von Roberto Carlos gesehen werden. Der Kameruner Benoît Angbwa, bereits im Diensten von Anzhi, soll Eto’o beim Einleben helfen. Eto’os Berater bestätigte derweil, dass dieser bei Inter bleibe, weil er dort weitere Titel gewinnen möchte. (Überschrift des Artikels: Eto’o will zu Anzhi)

Hat alles ein wenig Paradoxes, oder nicht? lifesports.ru schafft den Spagat: meist alternde Stars, die bei ihren Vereinen, zumindest Medien zufolge, vor dem Absprung stehen, mit Anzhi zu verbinden. Hinzu kommen namentlich nicht genannte Quellen, Informanten, Vertreter von Anzhi in so gut wie jedem Artikel vor. Warum werden sie nicht genannt? Existieren diese vielleicht nicht? Reine Illusion und Fantasie? Und um den Kreis zu schließen, woher wissen die Redakteure die genauen Ablöseforderungen? Ganz einfach, durch transfermarkt.de! Vergleiche hier: Luís Fabiano (6 Millionen) oder Benayoun (10 Millionen).

Eine Spartak Moskau-Gruppierung erklärte sich die ungeahnte Kreativität von LifeSports in einem adaptierten Video so: Die Autoren stehen kurz vor Redaktionsschluss und unerledigten Tatsachen. Plötzlich erklingt das Handy eines Schreiberlings. Der Klingelton; ein Lied der Sängerin Chicherina. Zitat des Chefredakteurs: „Ich weiß es! Ein Artikel, dass Chicherina zu Spartak wechselt.“

Und lifesports.ru scheint mittlerweile auch mit ihrem aufgehenden Konzept in der deutschen Medienlandschaft Wellen zu schlagen. 11Freunde und Spox berichteten bereits, dass Andrej Voronin von „Ich mache die komischsten Transfers, wenn ich das Geld dazu vorliegen habe“-Magath verpflichtet werden möchte. Quelle auf die das abfällt, natürlich lifesports.ru.

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