SC Paderborn: Pray for forty points

Posted on 8. Juli 2011 von

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Heidewitzka! In gut einer Woche rollt in der 2. Liga wieder das Runde. Wie ein Inhaftierter ritze ich mittlerweile meine Wand und hake die Tage ab. Mein SC Paderborn steigt leider erst am Sonntag ins Geschehen ein – auswärts gegen den Aufsteiger aus Rostock. Grund genug die bisherigen Verpflichtungen vorzustellen und ein Fazit nach der Vorbereitung zu ziehen. Was ist mit der Mannschaft drin? Wie sieht das primäre Ziel aus? Was ist realisierbar? Und wie lässt sich das Unterhaus in dieser Saison überhaupt einschätzen? Auf der Suche nach Antworten…

Fangen wir für den Einstieg mit der Position zwischen den Pfosten an. Nach Daniel Masuchs Abgang zu den Preußen aus Münster – Masuch entschied sich gegen eine Vertragsverlängerung – steht es noch in den Sternen, wer denn die neue Nummer eins überhaupt sein wird. Schon in der letzten Saison verlor Wiederkehrer und Paderborner Jung Lukas Kruse das Duell gegen Masuch und war im Großen und Ganzen eigentlich nur dafür da, die Bank warmzuhalten. Zwei Chancen ergaben sich für ihn, die er beide nicht wirklich nutzen konnte (ein rabenschwarzes 0:5 gegen Cottbus und ein 3:2 gegen 1860). Abgesehen von den Leistungen wird Kruse ziemlich kritisch beäugt von der Paderborner Anhängerschaft. Richtig  verziehen  wurde ihm bisher noch nicht, als er nach dem Abstieg aus der 2. Liga keinen Neuanfang in der 3. Liga wollte und sich stattdessen für Borussia Dortmund entschied, obwohl er aller Voraussicht nach einen Stammplatz gehabt hätte. Der große Sprung blieb bei ihm aus – Kruses Leistungsnachweise beschränkten sich lediglich auf die zweite Mannschaft (Regionalliga), so dass er schließlich versuchte in Augsburg Fuß zu fassen. Leider vergebens, auch hier kam er nicht über die Reservistenrolle hinaus, da Simon Jentzsch ihm im Wege stand. In Zahlen: Lukas Kruse absolvierte in den drei vergangenen Jahren lediglich sechs Einsätze auf „professionellem Niveau“.

Auch in den Testspielen war Kruse die Unsicherheit anzumerken. Sei es das fehlende Selbstvertrauen, das ihn mit der Zeit sicherlich zu setzte, jedes Mal sich hinten anstellen zu müssen. De facto besitzt  Kruse auch nicht die optimale Größe und Präsenz – auf der Linie zwar stark, beim Herauslaufen und Abfangen von Bällen leider untauglich. Wer tritt Masuchs Nachfolge an –Kruse oder Grahl? Letzterer wurde von Hoffenheim ausgeliehen und kann bisher in seiner Vita gar keine Erfahrung in Liga 2 vorweisen. Auf seine Pro-Seite kommt die Größe (1,93), wie einige Novizen allerdings bei den Testspielen beobachteten, ist er eher das Gegenteil von Kruse (auf der Linie schwach).

Nach dem Verlassen von Masuch (im Übrigen ein solider Typ) schwirrten viele Namen herum. Ein gesunder Konkurrenzkampf sollte ausgetragen werden: Thorsten Stuckmann (Alemannia Aachen – Vertrag wurde nicht verlängert), Stephan Loboué (Rot-Weiß Oberhausen – ohne Zukunft und Probleme mit den Trainern), Carsten Nulle (Carl Zeiss Jena – suspendiert, Tauschgeschäft mit Klotz platzte), Benjamin Kirsten (Dynamo Dresden – sah zwischenzeitlich aus, als ob Dresden auf den Aufstiegshelden nicht mehr setzen würde) oder von mir heimlich ins Gespräch gebracht, weil erhofft, Gerhard Tremmel (Red Bull Salzburg – Vertrag nicht verlängert). Obwohl diese Baustelle laut neuem, alten Sportdirektor Michael Born geschlossen worden ist, halte ich es dennoch für riskant mit Grahl und Kruse in die Saison zu gehen. Die nähere Betrachtung zeigt auch auf dem ersten Blick, dass wir allein von den Namen her, bei den Torwärtern im Vergleich am schlechtesten aufgestellt sind. Vielleicht bin ich allerdings auch ein wenig zu pessimistisch, vielleicht packt es ja auch Grahl oder Kruse. Ergo, ist dieser Pessimums jedoch berechtigt, da es sich um eine Schlüsselposition handelt und diese einige Punkte kosten kann, sobald der Plan nicht aufgeht. Lieber hätte ich wirklich einen von den gehandelten Fängern begrüßen wollen. Sei’s drum. We will see…

Vor dem Tor hat sich nicht wirklich viel getan. Auf der rechten Außenbahn dürfte Jens Wemmer genauso gesetzt sein, wie in der Innenverteidigung Florian Mohr und Sören Gonther – ein normalerweise eingespieltes Duo. Als Linksverteidiger wurde aus Gladbach Jens Wissing verpflichtet, der die Lücke von Jukka Raitala schließen soll – nach der endenden Leihe wieder nach Hoffenheim zurückgekehrt. Attestiert wurde Wissing vor Jahren schon das Talent. Bei den Gladbachern konnte er sich allerdings nicht in die Formation der ersten Mannschaft spielen. Macht aber nichts! Im Gegensatz zu Raitala agiert Wissing viel offensiver und überschreitet auch mal die Mittelfeldlinie. Ob Verstärkung oder Schwächung auf der linken Seite, wird sich noch zeigen. Allerdings deutete Wissing schon an, dass er ordentlich mit dem offensiveren Brückner vor ihm harmoniert. Mit Wissing (LV), Gonther (IV), Mohr (IV) und Wemmer (RV) steht das Gerüst in der Defensive,  wo Sorgen nicht berechtigt sind. Aufgeatmet!

Im Mittelfeld präsentierte der SC Paderborn drei Neuzugänge, namentlich: Mehmet Kara (Preußen Münster), Alban Meha (SV Eintracht Trier 05) und Thomas Bertels (SC Verl) – alle noch ohne Standing in der Liga, aber mit Potential. Kara war der Regisseur der Preußen, ihm gehört auch ein großes Stück vom Aufstiegskuchen. Der Kosovare Meha kommt ebenfalls aus der Regionalliga und wurde sogar in der letzten Saison vom Kicker zum besten Spieler der West-Staffel ausgezeichnet. Mit einer Empfehlung von 15 Toren und 16 Assists, liegen Mehas Stärken gerade bei Standardsituationen – von den 15 Dingern sieben direkte Freistöße verwandelt. Seit Erwin Koen gab es bisher keinen einzigen Spieler im Trikot vom SCP, der bei ruhenden Bällen für Gefahr sorgen konnte. Selbst Präsident Wilfried Finke sah das mal in seiner Manier ein: „Für die Zuschauer ist das immer genau die richtige Gelegenheit, sich ein Bier zu holen. Denn da passiert nichts.“

Meha und Kara kommen beide mehr über links, sind allerdings als Allrounder zu bezeichnen. Und Thomas Bertels? Sicherlich eine günstigere Variante, der die Rolle von Heithölter einnehmen kann, als Back-up für Wissing und Brückner. Komplettiert von Krösche und Alushi, der Doppelsechs aus Schubert-Zeiten, gilt es die vakante Stelle des Rechten Mittelfelds zu besetzen. Hier hat der neue Cheftrainer Roger Schmidt die Qual der Wahl und etliche Alternativen wie Brandy,  Guié-Mien, Klotz (falls er denn noch beachtet wird), Kara und eben Meha auf der Hand. Meha könnte auch bei einer offensiveren Aufstellung für Krösche oder Alushi in die Startelf rücken, muss aber noch in der Rückwärtsbewegung ein wenig zulegen. Im Gegensatz zum letzten Jahr ist das Mittelfeld fast schon überbesetzt. Spieler wie Alushi oder Brückner, die oft unter ihren Möglichkeiten blieben und die Ex-Trainer Schubert dennoch bevorzugte, müssen sich steigern. Ansonsten rückt problemlos einer der Neuen nach. Insbesondere Meha und Kara bewiesen in unteren Ligen ihre Versiertheit.

Und wer soll vorne die Tore schießen? Nein, wahrlich nicht das Prachtstück in der abgelaufenen Spielzeit. Aber es wurde gehandelt: Matthew Taylor, mit einer Empfehlung von 17 Toren in 30 Spielen, kommt von Rot Weiss Ahlen, die eine schlechte Saison spielten, sich dennoch sportlich gerade so halten konnten, allerdings aufgrund der finanziellen Schieflage aus der 3. Liga absteigen mussten. Der Ami ist extrem schnell wie Brandy, und arbeitet viel wie Manno in seinen verletzungsfreien Tagen. Seine Leistungsdaten in Ahlen sind hoch einzuschätzen. Der Köningstransfer in der Offensive heißt Nick Proschwitz. „Quick-Nick“ wie der großgewachsene Stürmer in der Schweiz genannt wurde, wurde von dem schweizerischen FC Luzern verpflichtet, zeigte vorher beim FC Vaduz in der zweiten schweizerischen Liga (Challenge League) sein Können und durfte sich für 23 Tore eine Torjägerkanone in den Trophäenschrank stellen. Proschwitz gilt als kopfballstark, technisch zwar nicht so versiert, aber mit Durchschlagskraft und Torjägerinstinkt. Taylor und Proschwitz könnten den launischen Albaner Edmond Kapllani, der zurück zu Augsburg gegangen ist, als Leistungsträger im Sturm ersetzen. Die Kombination „Arbeiter“ Taylor und „Brachialgewalt“ Proschwitz dürften so manche Abwehr auf die Probe stellen. Zudem steht mit Brandy, ein gefährlicher offensiver Mann, der gut und gerne in den letzten 30 Minuten jede Lücke in der gegnerischen Verteidigung sucht und darauf wartet bedient zu werden, ein Joker par excellence in den Startlöchern. Die restlichen Stürmer im Kader; Jorge Mosquera, Sven Krause und David Jansen blieben hinter ihren Erwartungen zurück und dürfen sich nicht auf ganz so viele Spielminuten freuen.

Neugierig bin ich auch auf den neuen Cheftrainer Roger Schmidt, einem, ja sozusagen, Experiment. Dieser stehe, laut eigenen Aussagen, mehr für eine offensivere taktische Variante. Vorbei könnten die Heimspiele sein, die Schubert in den letzten Monaten mit seiner Hinhalte-Strategien begann – mit lediglich einem Stürmer. 33 Monate war Schmidt bei Preußen Münster im Amt. Wilfried Finke gab ihm die Chance, die „renommierte“ Trainerstelle in Paderborn würdevoll zu besetzen. Wie wird Schmidt dem Druck standhalten? Wie geht das erwartungsvolle Paderborner Publikum mit um? Was hat er im petto, wenn es mal nicht läuft? Das primäre Ziel für ihn, die Mannschaft und die Fans kann wie in jedem Jahr nur der Klassenerhalt sein. Wäre schön mehr als 40 Punkte zu erreichen… Doch die Liga wurde aufgestockt. Sie ist zwar nicht die stärkste 2. Liga aller Zeiten, aber vielleicht die ausgeglichenste. Die Aufsteiger sind stark. Gerade Dynamo Dresden, die ja eigentlich vor ihrer Relegation mit einem Bein vor der Insolvenz standen, investierten doch irgendwie durch Sponsoren-Pools (oder was auch immer) in erfahrene Leute wie Eilhoff, Fort und Trojan. Jetzt sollen sie auch noch an dem portugiesischen Nationalspieler Orlando Sá vom FC Porto dran sein. Unterm Strich dürfte es in diesem Jahr keine Mannschaft wie Arminia Bielefeld geben, die abgeschlagen auf Rang 18 landete und mehr als Punktelieferant ohne Ambitionen gesehen werden konnte. Wir sind nicht auf Rosen gebettet, was die Finanzen angeht. Dennoch wurde das Optimum an hilfreichen Neuverpflichtungen herausgeholt. Mehr ging wirklich nicht! Um den Kreis zu schließen: Nach 34 Spieltagen auf die 40 Punkte kommen, dabei anschaulich kämpfen, und ich bin d’accord damit!

Fotos: SC Paderborn 07