Auch im Schatten -17°C

Posted on 7. März 2011 von

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Den persönlichen Rekord eingestellt, so lautete das Resümee auf dem Nachhauseweg und die Frage was schlimmer sei: Feuer- oder Kältetod? „Du wirst das schon irgendwie überstehen“, war der Tenor. „Erfahrungen hast du ja schließlich gemacht“ – genauer gesagt am 20.12.2009. SC Paderborn gegen St. Pauli. Minus zehn stand auf der Anzeige. Gefrorenes Bier. Umstieg auf Glühwein. Was sich dann aber am 22. Februar 2011 im Moskauer Luschniki-Stadion abspielte, entzog sich der Vorstellungskraft. Okay, ab sofort möge ich als Warmduscher tituliert werden. Was soll’s… stelle mich dem entgegen! Es war wirklich bibbernd kalt.

Circa 10 000 Zuschauer versammelten sich an diesem Dienstag im Olympiastadion Luschniki. Eine Woche zuvor spielte dort Rubin Kasan ebenfalls seine Partie gegen Twente Enschede aus. Ein ähnliches Wetter. Aber weniger Zuschauer. Ganze 250 Menschen sorgten für eine Geisterkulisse im über 80 000 Zuschauer umfassenden Stadion. Vor dem Spiel war klar. Einpacken nach dem Zwiebelprinzip. Im Stadion dann soviel warmen Tee wie möglich löffeln. Und in der Halbzeit irgendwelche Wärmeaggregate suchen.

Den Erwartungen zufolge würde die Partie ZSKA Moskau – PAOK Saloniki erst dann interessant werden, wenn die Griechen das erste Tor schießen. ZSKA hatte das Hinspiel mit 1:0 für sich entscheiden konnte. Ohne Druck und ohne richtig im Saft zu stehen – die Saison in Russlands Liga war bereits beendet bzw. fängt bald erst an – galt es die Partie zu überstehen und den eisernen Temperaturen zu trotzen. Es entwickelte sich in Anbetracht der äußerlichen Bedingungen ein gutes Match, allerdings auf eher niedrigem Niveau. ZSKA-Trainer Slutski war im Vorfeld davon ausgegangen, dass PAOK sehr defensiv spielen würde, obwohl sie zuhause ein Tor kassiert hatten und alles investieren mussten, was möglich sei, um weiterzukommen.

Auch ich nahm diese Position ein. Allerdings kam PAOK besser aus den Startlöchern und ZSKA konnte der Beobachter anmerken, dass sie noch in der Saisonvorbereitung stecken und über wenig Spielpraxis verfügen. Das Umschalten zwischen Defensiv- und Offensivabteilung funktionierte schlecht. Im Spielaufbau gab es kapitale Fehler. Als dann Igor Akinfeev, Russlands Nationaltorhüter, nach einem Zusammenprall raus musste, schossen die Griechen das Führungstor, obwohl sie davor zahlreiche hochkarätige Chancen ausließen. Ersatzmann Sergejs Cepcugovs machte bei seiner ersten Aktion eine extrem unglückliche Figur, als er einen riskanten Rückpass klären wollte und PAOK-Stürmer Muslimovic anschoss, der das Spielgerät irgendwie abprallend ins Tor bugsieren konnte. PAOK hätte das Rückspiel längst für sich entscheiden können. Stattdessen bekam ZSKA einen Elfmeter zugesprochen und glich zum glücklichen 1:1 aus, nachdem Vágner „Wanja“ Love nicht verwandeln konnte und Ignashevich im Nachschuss das Tor markierte.

Stell dir vor, du musst pinkeln und es geht nicht. Das Laufenlassen gestaltet sich problemlos. Klar, die Nieren und andere Organe sind noch intakt. Problematisch ist es viel mehr, den eigenen Hosenstall zu öffnen, weil deine Hände so verdammt eingefroren und taub sind. Der Pionier hat da seinen Trick auf Lager, den er in seiner Kindheit gelernt hat, als er mitten auf der Autobahn musste. Einfach Hose runter und ab geht es… Eine andere Variante konnte ich ebenfalls lernen. Du gibst deinen Fingern Gefühl, indem du sie eine zeitlang unter den Händetrockner hältst. Kreativität hilft bei diesem menschlichen Akt unter unmenschlichen Temperaturen – unmenschlich für mich, der diese nur annähernd kennt.

Zurück zum Wichtigen: ZSKA trifft im Achtelfinale auf FC Porto. Hier muss eine Leistungssteigerung erfolgen. Zwar gehen die Moskauer als Favorit auf den Titel ins Rennen, haben mit Vagner Love, Tosic, Honda, Necid und Doumbia einen extrem wunderbaren Sturm, der die Zunge zum Schnalzen bringen und kombinieren kann, wie kein Zweiter im Turnier. Aber Porto ist ein anderes Kaliber als PAOK. Immerhin konnte man sich mit den Partien gegen Shinnik – ZSKA hatte das Pokalspiel mit 1:0 für sich entscheiden können – und Zenit – verlor 0:1 – ein wenig mehr einspielen…

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