Schiff des Torjägers – Als die Karriere eines Ausnahmestürmers zu Ende ging

Posted on 30. Oktober 2010 von

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Eine Nachricht aus Afrika ging 2001 durch die Weltpresse: Ein Schiff soll Kinder transportiert haben, die als Arbeitskräfte durch ihre Familien verkauft wurden. Es wurde bekannt, dass die „Etireno“ dem damaligen Fußballprofi Akpoborie gehörte. Er kaufte es 1998 für seine Familie in Nigeria, damit sie ein eigenes Geschäft aufbauen sollte. Sobald diese Nachricht heraus war, löste der VfL Wolfsburg seinen Vertrag auf. Die Karriere war beendet. Jonathan Akpoborie beteuert bis heute, dass er keine Ahnung von den Geschehnissen auf der Fähre gehabt habe.

Drei Jahre lang recherchierte Heidi Specogna in Afrika und Europa, um mit Behörden und damaligen verschleppten Kindern, die auf dem Schiff befreit worden waren, zu sprechen. Die Dokumentation verzichtet bewusst auf eine Bewertung der Vorkommnisse oder auf eine Verurteilung Akpobories. Sie zeigt vielmehr, dass beide Seiten eine Mitschuld tragen. Einmal die Familien, die ihre Kinder aus Hunger, Sterbensangst und Naivität an Menschenhändler verkauften und auch Akpoborie, der blind seiner Familie vertraute, dass nichts Illegales auf der „Etireno“ passierte.

Das macht diesen Film auch so ausdrucksstark. Specogna versucht möglichst alle Perspektiven dieses schrecklichen Ereignisses zu berücksichtigen. Der Vorfall wird gekonnt genutzt, um die unterschiedlichen Lebensweisen in Europa und Afrika zu verdeutlichen. Durch Einstellungen auf das Dorfleben der verschleppten Kindern, wie sie sich am Existenzminimum durschlagen und einer direkten Einblendung auf den damaligen Fußballprofi mit goldener Uhr und teurem Schmuck, der über sein Leben erzählt, macht Heidi Specogna sehr eindrucksvoll auf die Probleme der Globalisierung und die Schere zwischen Arm und Reich aufmerksam. Auch die Zwiespältigkeit innerhalb der afrikanischen Kultur zwischen Tradition und der modernen westlichen Welt wird sehr deutlich, als Anato, ein damals verschleppter Junge, eine Ausbildung als Fotograf anfängt und zu Beginn durch ein Voodoo Ritual gesegnet wird.

Außerdem gibt Peter Pander (ehemaliger Manager vom VfL Wolfsburg) Einblicke ins Vereinsleben, wenn auch Vorstandsvorsitzende eines großen Automobilunternehmens Einfluss nehmen können. Peter Pander meinte auch, dass Jonathan Akpoborie sehr deutsch sei, aber immer wieder wird deutlich, dass er als Afrikaner fühlt und auch die Sicht eines Afrikaners hat. Insgesamt rührt der Film trotz seiner neutralen Sicht auf das Leben der Menschen den Zuschauer immens.

Es wird deutlich, dass es einige große Diskrepanzen in den Lebensweisen Europas und Afrikas bestehen. Auf jeden Fall: ein sehr sehenswerter Dokumentarfilm. Er wird wohl in kleineren Programmkinos in Deutschland am 2. Dezember 2010 anlaufen.

Das Schiff des Torjägers von Heidi Specogna

Kino-Dokumentarfilm / 91min / Deutsch, Französisch, Afrikanische Sprachen / 2010

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Posted in: Cinematografie