Jörg Hahn & Christian Eichler – Flach spielen, hoch gewinnen

Posted on 26. Oktober 2010 von

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„Flach spielen, hoch gewinnen“, ein Zitat aus dem großen Repertoire des letzten deutschen Monarchen alias Franz Beckenbauer. Dieser Titel schmückt auch das Buch von Jörg Hahn und Christian Eichler, das 2005 erschienen ist. Beide Autoren waren zu der Zeit/sind regelmäßig in den Büros der F.A.Z. anzutreffen (Leiter der F.A.Z. Sportredaktion und Sportreporter der F.A.Z.), haben sich schon lange in der Medienbranche einen Namen machen können und publizierten bereits einige andere Bücher. Das große Thema dieses Werkes: Fußball-Kunst. Zugegeben, kurz vor der WM im eigenen Land war es vom Aspekt Promo gar nicht mal so schlecht, ein Buch über Fußball zu bringen, auch wenn zig andere Autoren diese Strategie ebenfalls austüftelten…

Kohärenz findet man in „Flach spielen, hoch gewinnen“ kaum wieder. Zwar haben die zwei Schreiber eine sinnvolle Gliederung auserwählt – Aufteilung in zwei Mannschaften á 22 Spieler plus drei Ersatzspieler, Schiedsrichter und den Rubriken „Elfmeterschießen“, „Trainer“ sowie „Verlängerung“ – vermisst man eben an manchen Stellen den sogenannten roten Faden. Es werden die zu der Zeit besten Spieler wie Kahn, Zidane oder Nesta entweder in Porträts umschrieben oder Interviews von ihnen abgedruckt.

An einigen Stellen kommt „das Zeitlose“ ein wenig abhanden, wenn z.B. der Titan in einem Interview über Ereignisse der EM 2004 spricht („Haben sie auch beim Freistoßtor der Tschechen, das Risiko gemieden und standen zu nah am linken Pfosten?“) oder Zidane unterstellt wird, dass noch niemand vom Zidane-Übersteiger spreche. Dies sollte aber keinen großen Kritikpunkt darstellen, weil in fünf Jahren eben viel passieren mag und nicht jeder eine Glaskugel zuhause stehen hat.

Das Buch lebt mehr von den durchaus interessanten Porträts wie dem von Wayne Rooney. Ganz ehrlich, ich wusste vorher nicht, dass Rooney wegen eines Abdrucks seiner Autobiographie in der „Sun“ große Probleme in Liverpool hatte: 1989 steht für das Jahr der größten Katastrophe im englischen Fußball. Bei einem Pokalspiel im Hillsborough Stadion starben 96 Liverpool-Fans. Daraufhin verfasste die allwissende „Sun“ einen Artikel, der die „Wahrheit“ ablichten sollte. Darin fand man Informationen wie: „Liverpooler pissten auf Leichen und raubten die Toten aus.“

Nichts davon stimmte und die „Sun“ wurde in Liverpool von den Händlern schnurstracks boykottiert. Dass ausgerechnet das Liverpooler Arbeiterkind dann auch noch mit dem verhassten Blatt kooperierte, warf ein ganz schlechtes Licht auf den Youngstar. Der zusätzliche Wechsel zu ManU verhärtete ebenfalls die Fronten. Das aufkommende Supertalent musste sich mit Schmährufen abfinden und Graffitis wie „Stirb, Rooney, stirb“ machten die Runde.

Insgesamt sind es die kleinen Informationen, die für die fußballfanatischen Leser so interessant groß erscheinen. Wenn z.B. erwähnt wird, dass Jens Lehmann vor dem Argentinien-Spiel bereits ein Schlitzohr war, was Elfmeterhalten angeht. Schon 1997 im UEFA-Cup Endspiel entschloss sich dieser, sich auf einen Spicker seines Trainers Huub Stevens zu verlassen, der ihm riet, dass Zamorano bei Druck die rechte Ecke wählte.

Unterm Strich ist „Flach spielen, hoch gewinnen“ keineswegs als medioker anzusehen. Vielmehr ist diese Veröffentlichung ein gelungener Appetizer, den man so eben bei einer längeren Zugfahrt verspeisen kann. So stolpert man über kleine, geschmacksvolle Leckerbissen, die so unterschiedlich sind, dass wohl jeder Fußball-Interessierte etwas behalten wird – auch wenn einige Artikel heutzutage nicht immer den Nerv der Zeit treffen.

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