Anpfiff der dritten Halbzeit in Polen

Posted on 29. Juni 2010 von

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Wenn die schönste Nebensache der Welt doch nur zur Nebensache wird.

„Was hast du denn vor?“ „Ach, ich wollte nur zum Fußball“, antwortet Mateusz, Anfang 20, wohnhaft in Tychy (Polen). In seiner rechten Hand hält er eine Plastiktüte. Ein Baseballschläger ragt heraus. „Damit wird so manch einer Bekanntschaft machen müssen“, lächelt der Anhänger von GKS Tychy spitzbübisch.

„Hooligans? Das sind doch diese zahnlosen Chaoten aus England, die sich vor jedem Spiel die Köpfe blutig schlagen“, pauschalisiert ein älterer deutscher Herr im Stadion. Doch die Gewaltbereitschaft nimmt insgesamt doppelt zu – nicht nur in Großbritannien, von wo aus sich die Hooligan-Bewegung einst ausbreitete. In Boulevardzeitungen liest man fast im Wochentakt, dass es – insbesondere im Osten Deutschlands – zu Ausschreitungen sogar in den untersten Fußballigen kommt. Jedoch liegt der Fokus der Medien nur selten auf einem Land wie Polen, das riesige Probleme mit der Fan-Szene hat, und die nächste EM zusammen mit Ukraine ausrichten soll.

Radikal, rassistisch und rasend

Radikal, weil sie jedes Ereignis nutzen, um pöbeln zu können. Rassistisch, weil viele in engem Kontakt zu Neonazis stehen oder selbst dazugehören. Rasend, weil es für sie keine Grenzen gibt. Es wird geprügelt, bis sich der Gegenüber nicht mehr regt. Tote sind an der Tagesordnung. Die Skrupellosigkeit geht über jegliches moralische Denken hinaus. Es erinnert an Krieg. „Überleben und gleichzeitig austeilen“, sagt Mateusz. Der ursprünglich bekannte Hooligan-Ehrenkodex, der es untersagt Waffen sowie andere Gegenstände zu benutzen, gilt anscheinend nicht mehr. Auch Personen, die eigentlich gar nichts mit Fangruppierungen zu tun haben oder am Boden liegen, bekommen Abreibungen. „Ich kann doch nicht unterscheiden, wer wer ist. Wenn er in der gegnerischen Kurve steht, kracht‘s!“ erklärt Mateusz.

Jeder fünfte erwerbsfähige Pole ist arbeitslos wie Mateusz, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, die auch mal kriminell sein dürfen. Den Hooligans gibt ihre Wut über die Perspektivlosigkeit Auftrieb. Doch woher stammt das, andere Fans prügeln zu wollen? Möchte man nur ganz pubertär den Hahn im Stall und zugleich den Stärksten darstellen? „Nein, es ist ein Phänomen, das auf den zweiten Weltkrieg zurückgeht und sich dann durch die Zeit des Kommunismus zieht. Um das zu verstehen, muss man zurück in die postkommunistischen Orte gehen, die jahrelang vernachlässigt wurden. Viele junge Menschen sind dort extrem gewalttätig und tragen diesen Hass in sich“, erläutert Bob Graham, ein britischer Journalist, der als Experte auf dem Gebiet der Hooligans gilt. Ein polnischer Auswanderer, der mittlerweile in Deutschland lebt, schildert ähnliche Prügeleien, die man in den 60ern austrug: „Es kam vor, dass Typen aus dem benachbarten Dorf in unser Dorf kamen. Dann haben sie sich in der Kneipe breitgemacht. Wir haben sie so lange gejagt, bis sie wieder in ihrem Ort waren. Manchmal mobilisierten sie sich dann auch und prügelten uns wieder zurück nach Hause.“

„Wenn wir den Ordnern ein paar Zloty unterjubeln, öffnen sie die Tore.“

In Polen ist Korruption an der Tagesordnung – Polen gilt als korruptestes Land Europas, bietet den Hooligans zugleich optimale Bedingungen für ihr Treiben. „Wenn wir den Ordnern ein paar Zloty unterjubeln, öffnen sie schon die Tore zu den Fans der anderen Mannschaft. Das stellt das kleinste Problem dar“, grinst Mateusz. „Und wenn nicht… Sie sind eh in Unterzahl. Irgendwann können sie dem Druck der Massen nicht standhalten.“

Seit 1997 nimmt die Zahl der gewaltbereiten polnischen Hooligans zu. Die meisten von ihnen sind Skinheads mit rechtsextremer Gesinnung. Sie tragen Kurzhaarfrisuren und Kleidungsstücke mit der Zahl 88 (Heil Hitler). Oft treffen sich die verfeindeten Fanatiker in abseitsgelegenen Wäldern, regeln es auf ihre Weise. Auf zahlreichen Videoportalen sind Ausschnitte zu sehen, mit welcher Vehemenz die Schläger vorgehen. Kaum vorstellbar, dass sich Familienväter mit ihren Söhnen in Stadien begeben, die Hexenkesseln gleichen. Es wäre womöglich für beide das Ende. Auch deswegen nimmt die Zahl der Zuschauer in der ersten polnischen Liga („Ekstraklasa“) immer weiter ab.

Speziell die Hooligans der Vereine Cracovia und Wisla Kraków bekriegen sich traditionell. Ihre Gebiete zeichnen sie mit Graffiti auf Wänden. Auch Kriminelle mischen bei den Kämpfen mit, obwohl sie der Aspekt des Fußballs gar nicht wirklich interessiert. Es ist eher ein seltsames Hobby. Mateusz bestätigt: „Krakau ist anderes Pflaster. Die sind die härtesten Typen da draußen!“ Sobald es zum Spiel der Spiele kommt, sind in der ganzen Stadt schon Tage vorher Polizeibeamte auf den Straßen anzutreffen. Kleinste Rangeleien sollen so schnell wie möglich unterbunden werden, damit die Hooligans nicht noch rachsüchtiger ans Werk gehen.

Die Fußball-Europameisterschaft 2012 wird übrigens in der Ukraine sowie in Polen ausgetragen. Ob sich die Fifa Uefa bei der Vergabe des Turniers auch mit dem Thema „Hooligans“ beschäftigt hat? Immerhin wurden schon etliche polnische Randalierer, die mit Bussen angereist waren und weltbekannt sind, während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland gefasst und wieder nach Polen abgeschoben. Doch wie will man sie ausgrenzen, wenn der Wettbewerb in ihrem Land stattfindet? Und warum hat die polnische Polizei immer noch keine „Hooligan-Kartei“ angelegt? Mateusz ist das alles egal, er reibt sich jetzt schon die Hände: „Wir können sowieso kein Fußball spielen. Dann zeigen wir der Welt eben, was wir am besten können und wofür wir stehen.“

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